Womöglich kein Zufall, dass sich mit Ballack und Lehmann zwei Profis für die Beibehaltung des Systemwechsels aussprechen, die in der englischen Premier League kicken. Das Beharren auf dem einst allgegenwärtigen 4-4-2 stellt sich zunehmend als deutscher Sonderweg heraus. Neben der Nationalelf spielen auch die Spitzenklubs Bayern München und Werder Bremen mit zwei Mittelstürmern, ihre internationalen Konkurrenten hingegen schon lange nicht mehr. Ob Manchester United, Chelsea, Arsenal, Barcelona oder der AC Mailand: Die dominierenden Teams der letzten Jahre vertrauen auf nur einen klassischen Stürmer (wenn überhaupt) und stellen ihm eine Armada von offensiven Flügel- und Mittelfeldspielern zur Seite. Das gleiche Bild bei dieser EM: Von den stilprägenden Mannschaften agieren allenfalls die Spanier mit einem echten Sturmduo, wobei sich David Villa häufig zurückfallen lässt.
Kurzum, Löws Umstellung gegen Portugal war, bei allem Mut dieser kurzfristigen Entscheidung, weniger ein Geniestreich als eine Anpassung an die kontinentale Norm. Sie wurde umso nötiger, nachdem die Nationalelf in den Gruppenspielen gegen Kroatien und Österreich enorme Defizite in der Kreativzone aufwies. Das neue System bot demgegenüber eine Reihe von Vorteilen. Michael Ballack, Deutschlands einziger Spieler von unumstrittener Weltklasse, konnte weiter vorn spielen und damit entscheidender eingreifen. Hinter ihm ließen sich mit Hitzlsperger und vor allem Rolfes zwei Spieler mit Passsicherheit und Qualitäten in der schnellen Spieleröffnung installieren. Löw konnte Bastian Schweinsteiger bringen und dennoch Lukas Podolski auf der Flügelposition belassen, von der aus er im vorherigen Turnierverlauf erfreulich unberechenbar agiert hatte. Lauter Vorzüge also, bei einem einzigen Opfer: Angreifer Mario Gómez flog aus der Elf.
So das überhaupt ein Opfer war, denn Gómez präsentierte sich bei dieser EM in erschreckender Form. Mindestens ebenso wichtig wie alle Systemfragen sind immer noch die Talente und Leistungskurven der Spieler: Löw hat sich mit seiner Umstellung vor dem Portugal-Spiel auch der Evidenz gebeugt, dass ihm für seinen bevorzugten Ansatz momentan das geeignete Material fehlt. Würde er heute zu seinem 4-4-2 zurückkehren, müsste er Podolski doch wieder nach vorn ziehen, oder dem bislang auch nicht gerade überragenden Klose wieder den derangierten Gómez zur Seite stellen oder gar Kevin Kuranyi bringen - ein Spieler, der bei dieser EM nicht sein Vertrauen genießt.
Vieles spricht also für 4-5-1, andererseits: Wer weiß schon, was Löw und Chefscout Siegenthaler so ausgeheckt haben. Die Türken haben sich ja bisher als Meister darin gezeigt, jeden gegnerischen Entwurf in ein paar Minuten frenetischer Anarchie aufzulösen, es ist ihre größte Stärke, die mit "unberechenbar" (Ballack) noch zurückhaltend beschrieben ist. Eine Taktik gegen die Anti-Taktiker muss her. Ballack hat immerhin so viel vom neuen Übungsgelände verraten: "Wir haben flexibel trainiert."

