0 Bewertungen
05.12.2006 

Wissenschaftlich betrachtet, fördert das "Signalfeedback" einen derartigen Herdentrieb. Der Begriff kommt aus der "behavioral finance", der Verhaltensökonomie. Anleger empfangen Signale gleichen Inhalts mehrfach und über viele verschiedene Medien. Indem die Adressaten sie als verschiedene Signale deuten, kommt es schließlich zu einer kolossalen Überbewertung ein und desselben Auslösers.

Natürlich geht jeder Boom mit Versuchen einher, die immer höheren Kurse zu rechtfertigen. Unternehmen nicht an ihrem Gewinn, sondern an ihrem möglichen Umsatz in ferner Zukunft zu messen ist beileibe keine Erfindung des deutschen Neuen Marktes Anfang dieses Jahrtausends. Schon die englische Mississippi-Gesellschaft bewerteten Spekulanten auf dem Höhepunkt des Booms vor 300 Jahren mit dem 130fachen des möglichen Gewinns, noch bevor das Unternehmen die Arbeit im neuen Amerika aufnahm.


» Aktienanalysen des Tages: Aktuelle Einstufungen und Kursziele


Dabei ist es in der Theorie ganz simpel, Übertreibungsphasen und damit das nahende Ende einer Hausse zu erkennen. Doch in der vermeintlichen Gewissheit, dass diesmal alles anders kommt, werden jahrhundertealte Börsenregeln ignoriert. Konkret: Gefahr ist im Verzug, wenn ein Unternehmen, das während eines Booms "in" ist, plötzlich an der Börse ein Vielfaches - hundertmal so viel und mehr - dessen kostet, was es pro Jahr verdient. So geschehen bei der Ostindischen Compagnie 1719, rund 200 Jahre später beim amerikanischen Telefonriesen AT & T, weitere 45 Jahre danach bei Coca-Cola und Anfang 2000 bei Intershop und Co. Je häufiger solche Ausnahmen zur Regel werden, desto höher ist die Gefahr eines Absturzes.

All dies sind weder Börsenhexereien noch mathematisch komplizierte Berechnungen, sondern lösbare und vor allem existenzielle Aufgaben. Denn in der langen Börsengeschichte waren Bewertungen von Unternehmen an der Börse immer auf das Durchschnittsniveau zurückgekommen. Deshalb stellt sich nicht die Frage, ob, sondern wann Übertreibungsphasen enden.

Sie zu erkennen ist der beste Weg, ihnen vielleicht doch noch zu entkommen. Boom und Übertreibungen drohen, wenn mit den Kursen auch die Börsenumsätze rasant steigen. Aktien wechseln dann von "festen" in "zitternde" Hände, so Börsenaltmeister André Kostolany. Erfahrene Anleger verkaufen an unerfahrene. Weil sich immer mehr Menschen für Aktien interessieren, stößt das Angebot auf breites Interesse. Fatalerweise beschönigen Bankhäuser - und Medien - diese gefährliche Konstellation, indem sie hohe Umsätze als Beleg für die Aktienlust neuer Anleger oder gar für das Entstehen einer neuen Aktienkultur preisen. Wer solch eine Börsenphase nie erlebt hat, droht diesem Trugschluss und damit Herdentrieb zu erliegen.

Doch selbst wenn die unerfahrene und von Gier geblendete Masse solch untrügliche Signale nicht erkennen will, müsste es nicht immer wieder zum Boom kommen. Denn Mahner gibt es stets zuhauf.


»Kaufen Sie billig - verkaufen Sie nie:
Die besten Zitate von Investment-Guru Warren Buffett.


Leider haben sie das Pech, ihre Bedenken zu früh mitzuteilen. Immer wieder werden Wucht und Dauer spekulativer Blasen unterschätzt. Diese platzen nicht sofort, wenn der Markt überbewertet ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Menschen gut selektieren: So wie sie in schlechten Zeiten gute Nachrichten verdrängen, blenden sie in der Euphorie Negatives aus, sie verfallen in Wunschdenken. Forscher fanden heraus: Wenn wir jemanden in seinem Tun beobachten, dann werden im Gehirn dieselben Regionen stimuliert wie bei demjenigen, der gerade handelt. Das wiederum baut eine Spannung auf. Sie zu beseitigen erfordert handeln. Wer als Unbedarfter in ein Kasino geht, beobachtet einen Spieler nicht, ohne selbst ein paar Jetons zu riskieren oder zumindest ein Kribbeln zu spüren.

Wie bei der Rally ist auch beim Absturz viel Psychologie im Spiel. Erreichen die Kurse keine neuen Hochs mehr, sondern bewegen sich nur noch ruckartig, steht die Talfahrt bevor. Dreh- und Angelpunkt für die Trendwende: Neues Geld und neue Anleger sind nicht mehr verfügbar. Das Angebot stößt auf zu geringe Nachfrage. Ein Funke genügt, um die Stimmung zu drehen. Das mögen eigentlich belanglose Äußerungen eines Firmenchefs sein, dessen Aktie die Anleger besonders stark nach oben hievten. Auch der Hinweis auf schwächere Quartalszahlen (Gewinnwarnung) kommt in Betracht. Es bedarf also nicht des großen Knalls, um den Markt kippen zu lassen. Er muss nur reif dafür sein.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: "Wenn der Rest der Welt verrückt ist, muss man bis zu einem gewissen Grad mitmachen."

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige
Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor