Um sicher zu sein, dass sich der Wind gedreht hat, reicht die Antwort auf eine Frage: Bestimmt weiterhin die Risikobereitschaft das Geschehen, oder dominiert die Sorge vor Verlusten? Überwiegen Ängste und Defensive, nimmt die Baisse ihren Lauf. Damit Panik und Crash entstehen, bedarf es neben einer Wirtschaftsflaute außergewöhnlicher externer Ereignisse. 1906 war es das Erdbeben in San Francisco. In den 30er-Jahren ließen Bankenpleiten und Weltwirtschaftskrise den US-Börsenindex Dow Jones um knapp 90 Prozent abstürzen. Anfang dieses Jahrtausends trieben Bilanzfälschungen namhafter Konzerne, der 11. September und Kriegsängste die Kurse in die Tiefe. Drei voneinander unabhängige, aber zeitlich nahe Ereignisse schufen die Voraussetzung für den bislang tiefsten und längsten Kurssturz in Europa.
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Jede Endphase eines Crashs, ob 1873, 1932 oder 2003, endet mit einer Liquiditäts-, Versicherungs- und Bankenkrise. Erst müssen Anleger ihre auf Kredit gekauften Aktien verkaufen, weil diese nicht mehr genügend Deckung bieten, dann veräußern auch Finanzhäuser ihre Bestände, um noch größere Verluste zu vermeiden. Dies treibt die Abwärtsspirale. Gerüchte um Pleiten kursieren. Spätestens jetzt machen nicht mehr Nachrichten Kurse, sondern Kurse Nachrichten.
Diese letzte Phase eines Crashs ist von außerordentlich großer Skepsis geprägt. Wenn die Stimmung wie 1932 und 2003 am Boden ist und Anleger sich aus Furcht vor noch größeren Verlusten von ihren letzten Beständen trennen, ist die Zeit für eine Erholung reif. Denn wer jetzt noch an der Börse investiert ist, sitzt Verluste aus. Immer weniger Verkäufer bieten ihre Ware feil. Gleichzeitig trauen sich nur sehr wenige Anleger in einer Phase wie im März 2003, als Kriegsängste - Irak- die Welt lähmten und in die Rezession trieben, an die Börse. Niedrige Umsätze lassen die Baisse auslaufen.
Dabei gilt die Börsenregel, wonach Kurse nicht nach, sondern zu Beginn einer Rezession steigen. Tief gefallen sind sie bereits vorher, weil Anleger sich vor dem Abschwung sorgen. Das US-Investmenthaus Prudential belegt dies mit Studien für die letzten 40 Jahre. Wer in der Rezession noch Aktien hält, kalkulierte weitere schlechte Nachrichten ein. Er erwartet aber gleichzeitig, dass dem Abschwung ein Aufschwung folgt und die Gewinne der Unternehmen wieder steigen. Die Chancen überwiegen also die Risiken. Für die Börse ist das die beste aller Welten.
So eindeutig all diese Kennzeichen sind und sich obendrein noch immerzu wiederholen, so schwierig bleibt es dennoch, das nahende Ende von Hausse und Baisse zu erkennen. Viele Male waren sich Experten sicher, dass 1930 und 1931 oder 2001 und 2002 der Absturz beendet sei, weil die Kurse zwischenzeitlich deutlich stiegen. Auch der Börsenwert der Unternehmen hatte längst wieder normale Größenordnungen erreicht. Aber wie in der Hausse gilt auch in der Baisse: Der Markt dreht erst dann, wenn er dafür reif ist. Wie beim Ende des Aufschwungs reichen dafür auch hier kleine Ereignisse, Äußerungen oder Interpretationen. Vorhersehbar sind sie nicht.
Fazit: Kursblasen und Börsencrashs weisen stets Familienähnlichkeiten auf, wie es der Finanzexperte Hartmut Kiehling beschreibt. Hausse und Baisse mögen individuell verschiedene Merkmale haben, doch die Strukturen für ihr Entstehen und Gedeihen gleichen sich.
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Kurshochs und-tiefs liegen weniger im Auf und Ab der Konjunktur begründet und mehr in der Spielernatur des Menschen. Diese motiviert ihn nach Ansicht des Volkswirtschaftlers und Börsenexperten Robert Shiller immer wieder, Risiken einzugehen. Sei es im Job, im Unternehmen, im Spielcasino oder eben an der Börse. Oder verhaltenspsychologisch vom Wirtschaftswissenschaftler Charles P. Kindleberger ausgedrückt: Wenn Firmen oder Haushalte sehen, dass andere mit spekulativen Käufen und Wiederverkäufen Gewinne erzielen, dann wollen sie das auch tun. So wie Affen im Zoo menschliche Grimassen nachahmen.
Einfacher, aber vielleicht noch treffender resümierte schon vor 300 Jahren ein Bankier, nachdem ihm schwante, dass er für Südsee-Aktien wohl viel zu viel Geld bezahlt hatte: "Wenn der Rest der Welt verrückt ist, muss man bis zu einem gewissen Grad mitmachen."

