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20.12.2005 
Bundeswirtschaftsminister a.D.

Schillers fatale Erbschaft

von Bernd Ziesemer, Chefredakteur des Handelsblatts

Nur drei Männer haben seit 1949 als Bundeswirtschaftsminister nachhaltige Spuren in Deutschland hinterlassen: Ludwig Erhard, Karl Schiller und Otto Graf Lambsdorff. Mit Karl Schiller zog der Machbarkeitswahn in die deutsche Wirtschaftspolitik. Was bleibt noch vom ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Schiller?

DÜSSELDORF. Nur drei Männer haben seit 1949 als Bundeswirtschaftsminister nachhaltige Spuren in Deutschland hinterlassen: Ludwig Erhard, Karl Schiller und Otto Graf Lambsdorff. Andere Ressortchefs brachten dem Amt wenig Glanz (Schmücker, Rexrodt) oder sogar Schande (Bangemann, Möllemann). Bei Michael Glos, dem 14. in der Reihe, verbietet die Fairness jedes Urteil, bevor die berühmte Hundert-Tage-Frist vorbei ist. Also Erhard, Schiller, Lambsdorff: jeder prägte das Amt auf seine eigene Weise.

Als geschworener Liberaler machte Erhard sein Ministerium mit einigen wenigen Getreuen zum Vorkämpfer der freien Marktwirtschaft. Jedem staatlichen Eingriff begegnete der CDU-Politiker mit grundsätzlicher Skepsis: "Man kann und darf nicht eine Wirtschaftspolitik nach Art der Echternacher Springprozession betreiben", sagte Erhard am 9. Februar 1951 in seiner berühmten Rede im Düsseldorfer Industrieclub.

Der prinzipientreue "Marktgraf" Lambsdorff bleibt vor allem als Autor des berühmten Wendepapiers in Erinnerung. Es prangerte die falschen Weichenstellungen in der Wirtschaftspolitik an und läutete das Ende der Kanzlerschaft Helmut Schmidts ein.

Was aber bleibt von Karl Schiller? Der Volkswirtschaftsprofessor war in seinen Hochzeiten in der Bevölkerung fast so populär wie Erhard direkt nach der Währungsreform 1948. Und Schillers Einfluss auf die deutsche Wirtschaftspolitik in den letzten Jahrzehnten war wesentlich größer als der Lambsdorffs, der sich eher als unbequemer Mahner denn als Macher profilierte.

Kein anderer Wirtschaftsminister, auch Erhard nicht, konnte sich mit Schillers Wortmächtigkeit und Erfindungsreichtum messen. In den sechziger Jahren verwandelt der begnadete Rhetoriker seine Reden im Bundestag regelmäßig in ein kleines volkswirtschaftliches Kolloquium für die Abgeordneten. Seine Gegner gibt er mit feiner Ironie und einem stupenden Faktenwissen regelmäßig der Lächerlichkeit preis. Gemeinsam mit Finanzminister Franz Joseph Strauß prägt er die große Koalition.

Schiller ist es auch, nicht der Kanzlerkandidat Willy Brandt, der 1969 die Bundestagswahl für die SPD gewinnt und die Bildung einer sozialliberalen Koalition ermöglicht. Noch heute reden die Wahlforscher von der "Schiller-Wahl", wenn sie 1969 meinen. Dem SPD-Politiker gelingt das Kunststück, seine Partei zum ersten und bislang letzten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte zum wirtschaftspolitischen Meinungsführer zu machen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Verfechter marktwirtschaftlicher Prinzipien

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