Man muss sich die damalige Ausgangslage vor Augen führen, um zu sehen, wie billig Schillers Taschenspielertrick war: Als der Bundeswirtschaftsminister sein großes Konjunkturprogramm auflegte, lag die Arbeitslosigkeit bei gerade einmal 2,2 Prozent. Die Sozialkassen brauchten so gut wie keine Zuschüsse. Statt über den möglichen Zusammenbruch der Rentenversicherung wie heute redeten die Deutschen damals über den Babyboom: eine Idylle.
Den Test der Zeit bestand jedoch weder Schillers Konjunkturpolitik noch sein sonstiges Instrumentarium der wirtschaftlichen Feinsteuerung. Selbst das Stabilitäts- und Wachstumsgesetz, das noch in Kraft ist und als Krönung der Schillerschen Wirtschaftspolitik galt, führte zu Verwerfungen. Der ehemalige Staatssekretär Otto Schlecht, der als Abteilungsleiter unter dem SPD-Politiker arbeitete, fällte ein klares Urteil: Die ganze Philosophie des Stabilitätsgesetzes habe "Entwicklungen forciert und toleriert, die den marktwirtschaftlichen Regelmechanismus nachhaltig beeinträchtigt haben."
Trotzdem trauern viele Sozial- und nicht wenige Christdemokraten den Schillerschen Zeiten nach. Helmut Schmidt selbst profilierte sich nach Schillers Amtszeit streckenweise als eine Art Ersatz-Schiller, der mit gleicher Verve staatliche Steuerungspolitik propagierte und die Konjunktur durch hohe Nachfrageimpulse ankurbeln wollte: "Fünf Prozent Inflation sind mir lieber als fünf Prozent Arbeitslosigkeit." Erst nach seinem Abschied aus dem Amt wandelte sich Schmidt vom ordnungspolitischen Saulus zum Paulus.
Während sich Schiller und seine Nachfolger den Kopf über die kurzfristigen Zuckungen der Konjunktur zerbrachen, gerieten ihnen jedoch in Wahrheit schnell die langen Linien der Strukturpolitik aus dem Blick. Ab 1966 (und noch einmal beschleunigt ab 1969 in der sozialliberalen Koalition) begann ein beispielloser Ausbau des deutschen Sozialstaats, der geradewegs in unsere heutige Verschuldungskatastrophe führte.
Erhards Mitstreiter Alfred Müller-Armack, der eigentliche Erfinder der "sozialen Marktwirtschaft", sprach stets von den "divergierenden Zielsetzungen sozialer Sicherheit und wirtschaftlicher Freiheit". Dieses Spannungsverhältnis galt es seiner Meinung nach durch Ordnungspolitik immer wieder auszutarieren. In den sechziger Jahren setzte sich mit Schiller jedoch die Auffassung durch, Sozial- und Wirtschaftspolitik fielen eigentlich zusammen. Ironischerweise verkündete fast zeitgleich in der DDR auch Erich Honecker die "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" - und führte den "ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden" damit auf den Weg in den finanziellen Ruin.
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