Die Überforderung der Staatshaushalte, die sich heute immer gefährlicher verstärkt, begann unter der Ägide Schillers. Die sozialliberale Koalition schwemmte alle grundsätzlichen Bedenken gegen eine unsolide Haushaltspolitik hinweg. Die gesamtstaatliche Schuldenquote (Staatsschulden in Prozent des Bruttoinlandsprodukts) verdoppelte sich zwischen 1970 und 1980 nahezu.
Schiller verkrachte sich allerdings wegen währungspolitischer Differenzen selbst mit dem Rest des Bundeskabinetts, trat als tödlich beleidigte Diva am 2. Juli 1972 zurück - und erklärte kurz darauf sogar zornbebend seinen Austritt aus der SPD, der er sich später wieder anschloss. Am 26. Dezember 1994 starb er in Hamburg. Sein blindes Vertrauen in die Machbarkeit wirtschaftspolitischer Feinsteuerung aber lebt in Deutschland munter weiter.
Zur selben Zeit, als Karl Schiller die Wirtschaftspolitik "modernisieren" wollte, schrieb der Nationalökonom und spätere Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich Hayek: -August "Es ist daher paradox und beruht auf einem völligen Verkennen dieser Zusammenhänge, wenn heute oft gesagt wird, dass wir die moderne Gesellschaft bewusst planen, weil sie so komplex geworden ist. In Wirklichkeit können wir eine Ordnung von solcher Komplexität nur dann erhalten, wenn wir sie nicht nach der Methode des Planes, d.h. nicht durch Befehle, handhaben, sondern auf die Bildung einer auf allgemeinen Regeln beruhenden spontanen Ordnung abzielen." Damals wirkten diese Bekenntnisse merkwürdig altmodisch im Vergleich zur Aufbruchstimmung, die Schiller den Bürgern in den "Roaring Sixties vermittelte. Und doch war der Nationalökonom seiner Zeit voraus, während die Zeitläufte den Wirtschaftsminister widerlegten. Eine moderne Wirtschaftspolitik zu betreiben heißt heute vor allem: die "spontane Ordnung" der Märkte wieder zu ermöglichen.

