Deutschland steht im Finale der Europameisterschaft, die Türkei ist ausgeschieden. Aber zu sozialen Frustfouls lässt sich keiner verleiten. Die Türken, von denen viele auch längst Deutsche sind, singen, gröhlen und tanzen mit. Gewonnen hat der Integrationsstandort Deutschland. Wenigstens in dieser Nacht.
KÖLN. Ihre Lederstiefel sind feuerrot. Die Hotpants, die weiter, sehr viel weiter nördlich beginnen, ebenfalls. Auf ihrer Rückseite steht in weiß: "Türkiye". Das Fußballtrikot ist natürlich ebenfalls rot, Rückennummer zehn. Die langen Haare sind halb brünett und halb blond gesträhnt. Die linke Hand drückt das Handy so fest ans Ohr, als ob davon das Überleben eines ganzen Landes abhängt. Aus dem Mund sprudeln viele, viele Umlaute. Und zwischendurch Deutsch: "Wahnsinn", "Schweinsteiger", "Rudolfplatz". Sieht so nun eine Verliererin aus oder eine Siegerin?
20 Minuten ist es her, dass Thomas Hitzlsperger auf Philipp Lahm passte und der mit einem Rechtsschuss ins kurze Ecke die Fußballträume der Türkei beerdigte - 2:3. Deutschland steht im Finale der Europameisterschaft, die Türkei ist ausgeschieden. In Köln, wo 65 000 türkischstämmige Bürger leben, haben die Deutschen Grund zu feiern. Türkische Fans hätten Grund zu weinen, zumal ihr Team den Halbfinalsieg in Basel mindestens ebenso verdient gehabt hätte. Aber zu sozialen Frustfouls lässt sich keiner verleiten. Die Türken, von denen viele ja auch längst Deutsche sind, singen, gröhlen und tanzen mit. 3:2 für alle. Gewonnen hat der Integrationsstandort Deutschland. Wenigstens in dieser Nacht.
Dabei hatte der Polizei Übles geschwant. Sie hat überall in der City Posten bezogen: in Zweier-, Fünfer-, Zehnerteams. Viele Beamte tragen Funkknöpfe im Ohr und weiße Helme auf dem Kopf. Den Innenstadtring Kölns haben sie bereits Minuten nach dem Spiel teilweise für Autos gesperrt. Am Friesenplatz drängeln sich noch ein paar Autos hupend durch, schwarz-rot-goldene Fahnen aus jeder Öffnung flatternd. Ein Pulk junger Männer in rot-weiß stoppt - und lässt ihn passieren.
Den Hohenzollernring hinunter kommt eine Gruppe blonder Germanen-Girls in weiß-schwarzen DFB-Shirts. "Schade, Türken, alles ist vorbei!" singen sie in bierseligem Mezzosopran, als sie durch ein Spalier junger Türkeifans hüpfen, die vor einem italienischen Restaurant stehen. Die Jungmänner tragen erste Bärtchen an den Wangen, Tatoos auf dem hügligen Bizeps und den Schmerz des Verlierers in den Augen. Doch die Provokation lassen sie unbeantwortet. Zum Gratulieren ist es für sie allerdings noch etwas zu früh. Eine rot-weiße Schachtel Marlboro kreist.
Die autofreie Straße gehört den Fans. Eigentlich erstaunlich, dass die türkische Elf unterlag, besteht doch die Mannschaft von Bundestrainer Jogi Löw, nimmt man die fahnenschwenkenden Trikots zu Köln zum Indiz, nur aus zwei Spielern: Nummer 13, Ballack, und Nummer 20, Podolski. Was passiert eigentlich mit all den Klose-, Gomez- oder Lahm-Trikots, die Teamausrüster Adidas
umsonst beflockt hat? Werden Sie zu Handtüchern für den Strandurlaub in Antalya weiterverarbeitet?
Es knallt. Ein Kanonenschlag. Es leuchtet - irgendwer schießt ein paar Silvesterraketen in die Luft. Die Polizisten, die sich alle 30 Meter postiert haben, gucken noch etwas grimmiger, lassen es aber geschehen. An der Ecke zur Maastrichter Straße ist der Auflauf am größten. In der Straßenmitte steht seit eh und je ein drei Meter hoher Betonklotz in der Form eines Autos. Raufklettern ist leicht. Gegen halb zwölf haben die Türken diese Bergtour gewonnen. Sie lassen die Halbmondfahnen flattern. Schwarz-rot-gold begnügt sich einstweilen mit der Tallage. Dafür dominieren die "Finale! O-ho-ho-ho!"-Gesänge akustisch. 1:1, schiedlich, friedlich.
Verlängerung. 50 Meter weiter greift die Polizei ein. Vor einem Billardsaal drohte ein Handgemenge. Allerdings nicht deutsch-türkisch, sondern eher deutsch-deutsch. Zwei amtliche Rufe, ein Dutzend schnelle Schritte, zwei geübte Handgriffe und die Rabauken sind an der Hauswand festgesetzt. Neugierige Rudelbildung in schwarz-rot-gold-rot-weiß.
Ein paar Türkeifans ziehen weiter. Ein Deutschlandfan mit blondem, Gel-frisiertem Kopf schwingt sein Ballack-Trikot in ihre Richtung. Ein Blick Auge in Auge - und dann klatschen die zwei Teenager die Hände zum "High-Five" zusammen und gehen ihrer Wege. Ballack & Co. wanken siegestrunken und Kölsch-beschwingt zum Rudolfplatz, den Autokorso begrüßen, der sich im Schritttempo durch die Menge wälzt. Auffallend viele Ford
Fiestas sind dabei. 17 000 Menschen beschäftigt der US-Konzern in seinen Kölner Werken - und bis zu 40 Prozent von ihnen sind türkischstämmig.
Abgesehen von der Fabrikaten ist der Mix der Autoschlange friedlich. Auf vier Schwarz-rot-gold-Autos kommt eines mit türkischen Insignien. Doppelte Beflaggung allerdings ist eher selten. Zusammen feiern, aber die Identitäten nicht verschwurbeln - das ist das Motto.
Dabei gibt es gerade in Köln etwas, das für (fast) alle Kölner, ob zugezogen, einheimisch oder fast heimisch, Identiät stiftet: den 1. FC Köln. Das ist auch farblich praktisch, denn der Club spielt in rot-weiß, weshalb viele Kölner an diesem Abend in Trikots feiern, auf denen vorne ein Geißbock und der Sponsorenschriftzug "Rewe" prangen statt DFB-Logo oder Halbmond. Der 1. FC Köln ist gerade wieder in die erste Bundesliga aufgestiegen, das kann man nie genug feiern. Zu verdanken hatte der Club das am Ende der Saison übrigens vor allem zwei Spielern: Der eine heißt Patrick Helmes, der andere Ümit Özat.

