Die Türkei verliert mit 3:2 gegen Deutschland - und gewinnt vielleicht ihr größtes Spiel. Tausende Berliner Türken feiern die Siege ihrer Mannschaften. In Berlin zeigt sich die erhoffte deutsch-türkische Zukunft.
"Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland" singt grinsend der fesche Jungtürke in einer Kreuzberger Bar zu Beginn des Spiels. Gemeinsam mit den Fans von Lehmann & Co. hatten sich zahlreiche Nachkommen des Osmanischen Reiches versammelt und hoffen dabei nicht nur auf ein gutes Spiel, einen Sieg, sondern auch auf eine friedliche Nachspielzeit. Koch-Debatte und Erdogan-Besuch hinterlassen Spuren. Im deutsch-türkischen Verhältnis gibt es viele Bekannte mit unbekanntem Ziel.
Gestern Abend hieß das Ziel: Leidenschaft in allen Ecken - fern der politischen Ebene. Die Straßen waren rot-weiß bzw. schwarz-rot-gold beflaggt. Schon vor dem Spiel sah man Berliner aller Altersstufen aufgeregt zum Public Viewing eilen. Im Laufschritt, per Fahrrad oder im Auto - immer dabei: ihr Fahnen. Deutschlandfahnen, Türkeifahnen oder am besten gleich alle beide. Der Berliner Deutsch-Türke beschließt, sich für alles zu entscheiden. Döner mit Becks, könnte man auch sagen.
Die Türkei schießt das erste Tor. Rote Fahne fliegen in die Luft. "Türkiye", rufen die Jungtürken. Grinsend werden die Reaktionen der Deutschen erwartet. Das erste Tor und nicht in der Nachspielzeit. Die deutschen Kommentare erfolgen lachend sofort und die ersten Zigaretten werden gezündet. "Heute machen wir es wie die Türken". "Na, dann man los" wird von türkischer Seite erwidert.
Und tatsächlich - so sollte es ausgehen. In letzter Sekunde gelingt Deutschland der entscheidende Treffer. Jubel und lange Gesichter gleichermaßen. So richtig weiß man im Augenblick noch nicht, was nun passieren wird. Im Hinterkopf hat wohl jeder die "Straßen-Nachspielzeit". Die erfolgt auch.
In der Oranienstraße - im Zentrum von Kreuzberg oder Klein-Istanbul - ist alles möglich. Das denkt sich auch die Berliner Polizei, die martialisch und zahlreich am Kottbuser Tor auftritt. Etliche Polizeiwagen runden das Bild ab. Von irgendwoher werden türkische Rufe laut. Eine Gruppe von Jugendlichen steht im Kreis und skandiert laut: "en büyük Türkiye". Jeder Berliner kennt mittlerweile die Bedeutung. Davor stehen vermummte Berliner Polizisten. Minutenlange Spannung macht sich breit. Diese hat jedoch mehr etwas mit postpubertären Verhalten und Machtgehabe und weniger mit einem gestörtem deutsch-türkischen Verhältnis zu tun.
In den sogenannten Brennpunkte von Berlin erweist sich das deutsch-türkische Straßenverhältnis als sehr tragfähig. Die Polizisten werden über Funk über die Vorkommnisse in Neukölln und Wedding informiert. Alles weitgehend ruhig.
Auch als Polizisten einen aufmüpfigen Jungtürken am Kottbuser Tor in Gewahrsam nehmen und weitere Osmanen zur Stelle eilen, passiert nichts. Lediglich erfolgen einzelne Drohrufe auf beiden Seiten. Sekundenlang liegt eine nebulöse Spannung in der Luft. Damit findet die Szene aber auch schon ihr Ende. Der Jungtürke wird abgeführt und die umstehenden Altersgenossen widmen sich wieder ihrer Abendverabredung. Junge Frauen, rot-weiß geschmückt, suchen ihr männliches Pendant. Hippe Kreuzberger versuchen sich in orientalischen Tanzbewegungen. Die Oranienstraße gleicht einem großen "Ringelpietz mit Anfassen". Für Autos ist gegenwärtig kein Durchkommen. Überall stehen die Fußballfans trinkend, essend und bisweilen auch singend auf der Straße. Das türkische Restaurant Hasir platzt aus allen Nähten. Jeder ist hungrig und will noch etwas. Lammspieß, Ayran oder auch einfach nur Döner mit Becks.

