Psychologen zerbrechen sich die gelehrten Köpfe. Was macht den Reiz des Fußballs aus? Das vorläufige Ergebnis: In jedem Fussballspiel ballt sich die ganze Schicksalstiefe des Lebens. Und das ist noch nicht alles!
DÜSSELDORF. "Fußball ist unser Leben." Nicht nur auf die Spieler der Weltmeister-Elf von 1974, die diesen Schlager sangen, trifft das zu, sondern auf Millionen Menschen, ob "Ultras" im Fanblock oder Champagner-Trinker in der VIP-Lounge. Fußball emotionalisiert viele Menschen mehr als Politik oder Wirtschaft. Warum eigentlich? Was treibt Zigtausende in die Stadien und noch viel größere Massen vor die Bildschirme?
"Fußball bietet aus psychologischer Sicht ein intensives Erleben von Unmittelbarkeit und setzt so einen deutlichen Kontrapunkt zur aktuellen Alltagskultur", schreiben die Psychologen des Rheingold-Instituts aus Köln in einer Studie. "Hier darf man Leidenschaft, Freude, Wut und Trauer ausleben, hier dürfen auch Männer offiziell weinen. Fußball wird auf persönlicher und gemeinschaftlicher Ebene zum Freibrief ? die Risiken des Lebens im überschaubaren Rahmen durchzuspielen." Fußball sei eine "Schicksalssimulation", liest man auch im Buch "Deutschland auf der Couch" von Rheingold-Gründer Stephan Grünewald. Im Alltag, so Grünewald, seien intensive Gefühlsausbrüche und Leidenschaften weitgehend tabuisiert. In jedem Fußballspiel dagegen balle sich für 90 Minuten "die ganze Schicksalstiefe des Lebens". Das Attraktive dabei sei, dass die Erfolge und Niederlagen, die man als Fan mitmacht, niemals endgültig sind. Oder wie der große Weise des deutschen Fußballs, Sepp Herberger, sagte: "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel."
Auch wenn auf der einen Seite die Favoriten stehen und auf der anderen die krassen Außenseiter, so ist doch der Ausgang immer offen. "In Spielen wird die Macht des Zufalls aufgeführt", sagt der Sportphilosoph Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin. Und zum Helden werden die Spieler oder Trainer, die den Zufall zu minimieren scheinen.
Der Fan kann immer träumen und auf ein "Wunder" hoffen wie das von Bern 1954, als die deutsche Mannschaft (und mit ihr die Nation) zum ersten Mal Weltmeister wurde. Und wenn das Wunder ausbleibt, kann man sich mit den weisen Worten des ehemaligen Trainers von Eintracht Frankfurt, Dragoslav Stepanovic, sagen: "Lebbe geht weida!" Die Eintracht hatte damals, am letzten Spieltag der Saison 1991/92, durch eine unglückliche Niederlage gegen Rostock die Meisterschaft verpasst. Eintracht-Fans hoffen seither vergeblich auf die nächste Gelegenheit zum Titelgewinn. Das ist das Beruhigende am Fan-Schicksal: Die nächste Bundesligasaison und damit die große Chance kommen bestimmt.
Das Fan-Sein hat immer etwas mit der Suche nach Identität zu tun. Viele Fans, wahrscheinlich die meisten, sind dem heimatlichen Verein verbunden. Die Bindung erfolgt, wie Sportpsychologe Bernd Strauß von der Universität Münster aus zahlreichen Untersuchungen weiß, besonders häufig durch das familiäre Umfeld, vor allem den eigenen Vater (wie in Nick Hornbys Selbstbekenntnis-Roman "Fever Pitch" beschrieben). Andere Fußballfans finden, wie Stephan Grünewald sagt, eine "ideelle Heimat". Denn die bekannteren Clubs zeichnen sich auch durch traditionelle Images aus: Der 1. FC Köln ist die launische Diva, die Mönchengladbacher sind die ungestümen Fohlen, Schalke ist die Mannschaft der ehrlichen Malocher, und Freiburg ist der kleine David, der hin und wieder den übermächtigen Goliath Bayern München schlägt.
Dass die regionale Verwurzelung ebenso wie das gewachsene Image in Zeiten des offenen Spielermarktes und der überregional und international besetzen Profi-Kader kaum aktuelle und reale Bezüge haben, ist für den Fan meist kein Hindernis. "Wenn die Fans den Eindruck haben, der Spieler opfert sich für den Verein auf, dann wird vergessen, dass der nur zwei Jahre hier und sonst woanders gespielt hat", sagt Strauß.
Fan-Sein ist kein einsames Geschäft. Der Fußballanhänger folgt dem menschlichen Bedürfnis, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Im Stadion, in der Fußball-Kneipe oder vor der Großbildleinwand beim "public viewing" entsteht ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit, fast von Nestwärme. Der Fan kann in der Masse aufgehen.
Was in der Masse, einem Phänomen der Neuzeit, mit den Menschen passiert, beschrieb Gustave Le Bon 1895 in seiner berühmten "Psychologie des Foules": "Unter bestimmten Umständen ... besitzt eine Versammlung von Menschen neue, von den Eigenschaften der Einzelnen, die diese Gesellschaft bilden, ganz verschiedene Eigentümlichkeiten. Die bewusste Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller Einzelnen sind nach derselben Richtung orientiert. Es bildet sich eine Gemeinschaftsseele." Le Bon sah darin die Degradierung des kultivierten Menschen zum Triebwesen, zum Barbaren. Ähnliches schrieb auch der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in seinem "Aufstand der Massen".
Fußball kanalisiert zweifellos auch Massenbedürfnisse. Wer wie Le Bon unter dem Eindruck der gewalttätigen Exzesse der Pariser Kommune 1870 stand oder wie Ortega y Gasset die Massenbewegungen der 20er-Jahre sah, fürchtet verständlicherweise die Masse als solche. Vielleicht wären beide beruhigt zu sehen, wie harmlos - von wenigen Krawallmachern abgesehen - die Massen in Fußballstadien sind.

