Das Fan-Sein hat immer etwas mit der Suche nach Identität zu tun. Viele Fans, wahrscheinlich die meisten, sind dem heimatlichen Verein verbunden. Die Bindung erfolgt, wie Sportpsychologe Bernd Strauß von der Universität Münster aus zahlreichen Untersuchungen weiß, besonders häufig durch das familiäre Umfeld, vor allem den eigenen Vater (wie in Nick Hornbys Selbstbekenntnis-Roman "Fever Pitch" beschrieben). Andere Fußballfans finden, wie Stephan Grünewald sagt, eine "ideelle Heimat". Denn die bekannteren Clubs zeichnen sich auch durch traditionelle Images aus: Der 1. FC Köln ist die launische Diva, die Mönchengladbacher sind die ungestümen Fohlen, Schalke ist die Mannschaft der ehrlichen Malocher, und Freiburg ist der kleine David, der hin und wieder den übermächtigen Goliath Bayern München schlägt.
Dass die regionale Verwurzelung ebenso wie das gewachsene Image in Zeiten des offenen Spielermarktes und der überregional und international besetzen Profi-Kader kaum aktuelle und reale Bezüge haben, ist für den Fan meist kein Hindernis. "Wenn die Fans den Eindruck haben, der Spieler opfert sich für den Verein auf, dann wird vergessen, dass der nur zwei Jahre hier und sonst woanders gespielt hat", sagt Strauß.
Fan-Sein ist kein einsames Geschäft. Der Fußballanhänger folgt dem menschlichen Bedürfnis, Teil einer größeren Gemeinschaft zu sein. Im Stadion, in der Fußball-Kneipe oder vor der Großbildleinwand beim "public viewing" entsteht ein starkes Gefühl von Zugehörigkeit, fast von Nestwärme. Der Fan kann in der Masse aufgehen.
Was in der Masse, einem Phänomen der Neuzeit, mit den Menschen passiert, beschrieb Gustave Le Bon 1895 in seiner berühmten "Psychologie des Foules": "Unter bestimmten Umständen ... besitzt eine Versammlung von Menschen neue, von den Eigenschaften der Einzelnen, die diese Gesellschaft bilden, ganz verschiedene Eigentümlichkeiten. Die bewusste Persönlichkeit schwindet, die Gefühle und Gedanken aller Einzelnen sind nach derselben Richtung orientiert. Es bildet sich eine Gemeinschaftsseele." Le Bon sah darin die Degradierung des kultivierten Menschen zum Triebwesen, zum Barbaren. Ähnliches schrieb auch der spanische Philosoph José Ortega y Gasset in seinem "Aufstand der Massen".
Fußball kanalisiert zweifellos auch Massenbedürfnisse. Wer wie Le Bon unter dem Eindruck der gewalttätigen Exzesse der Pariser Kommune 1870 stand oder wie Ortega y Gasset die Massenbewegungen der 20er-Jahre sah, fürchtet verständlicherweise die Masse als solche. Vielleicht wären beide beruhigt zu sehen, wie harmlos - von wenigen Krawallmachern abgesehen - die Massen in Fußballstadien sind.

