Eine Befürchtung ist, dass Yoga Sportler zu sanft machen könnte, ihnen die für den Wettkampf notwendige Aggressivität nimmt.
Das ist natürlich Quatsch. Ein Turnier wie die EM führt nicht nur zu körperlicher Anstrengung und mentaler Angespanntheit, der Spieler ist vielmehr auch gehalten, häufige Misserfolge ohne große innere Beteiligung hinzunehmen; er muss sich also Verhaltensweisen aneignen, um mit dem Stress im und nach dem Spiel fertig zu werden. Wie schafft er das? Er muss während des Spiels seine Gedanken kontrollieren, darf sich nur wenige, kurze Gefühlsausbrüche erlauben, muss gleichwohl wach und konzentriert sein und die für das Spiel notwendigen Bewegungsabläufe mit traumwandlerischer Sicherheit beherrschen. Da der Spieler stets in der Gefahr steht, jeden Moment das Spiel durch einen "Fehler" negativ zu entscheiden; kann die Stressbelastung sehr groß sein. Hohe Stressgrade sind jedoch mit geringerer Leistung verbunden. Das Leistungsoptimum wird dagegen bei mittlerer Stressbelastung erreicht. Durch Yoga kann der Spieler einerseits lernen handlungsorientiertes Denken auch im Misserfolg aufrecht zu erhalten und er bekommt anderseits ein perfektes Ventil in die Hand die im Körper gestaute Anspannung nach dem Spiel wieder abzulassen.
Sie selbst sind Diplom-Psychologe, haben über "implizite Begabungstheorien und Leistung" promoviert. Wie kamen Sie eigentlich zum Yoga?
Im Rahmen diverser psychotherapeutischer Weiterbildungen wurden morgens Strech- und Yogaübungen angeboten. Das hat mich fasziniert. Geklickt hat es, dann etwa zwei Jahre später, als wir uns beim Kampfkunsttraining mit dem "Sonnengruss" aufgewärmt haben. Die fließenden, kraftvollen Bewegungen haben mir sehr viel Spaß gemacht und ich wollte mehr über Yoga erfahren.
Mitte der Neunziger habe ich mich dann in verschiedenste Yogakurse eingeschrieben. Dort erfuhr eine mir vorher völlig unbekannte Intimität zu meinem Körper, meinem Atem und meiner Gedanken. Und daraus resultierend ein überwältigendes Erlebnis von Integration, Verbundenheit und Stille. Um mehr darüber zu lernen habe ich dann direkt eine 3-jährige Ausbildung zum ärztlich geprüftem Yogalehrer am Zentrum für Naturheilkunde in München begonnen. Meine Lehrer (Sharon Gannon und David Life) habe ich dann 1996 das erste Mal in New York getroffen. Seit dem verbindet mich eine tiefe Freundschaft mit den beiden und ich assistiere ihnen weltweit bei Seminaren, Workshops und Ausbildungen.Hilft Ihnen Ihr Hintergrund als Psychologe, Yoga besser zu verstehen? Wenn ja, in welcher Weise?
Um ihre Ziele zu erreichen untersuchen beide, d.h. sowohl Yoga als auch Psychologie, was physisches und mentales Leiden verursacht. In der indischen Philosophie, unterscheidet man fünf Ursache des Leidens (kleshas): avidya, die falsche Art des Verstehens, eine falsche (subjektive) Art der Interpretation einer Situation; asmita, Tendenz sich selbst zu wichtig zu nehmen; raga, bedeutet, etwas haben zu wollen, was man vielleicht gar nicht unbedingt braucht, oder was einem sogar gar nicht gut tut; dvesha, die oft (unbegründete) Ablehnung, Angst vor Veränderungen und dem Unbekannten; abhinivesha, gemeint sind hier alle Formen von Angst und Furcht: Unsicherheit, Zweifel, Panik, Existenzängste, Angst vor der Zukunft, Angst vor Krankheiten, vor allem die Angst vor dem Tod.
Im Yoga versteht man unter den kleshas bestimmte Strukturen, Muster und Kräfte im menschlichen Geist, die die Wahrnehmung und die Handlungsweise des Menschen steuern und ihn immer wieder in Situationen bringen, die zu Leid führen werden. Schon für die ersten Yogis, die rishis (Seher), bildeten Geist und Körper eine Einheit und ihre Lösungen zielen sowohl auf die geistige als auch auf die körperliche Ebene. Der mehr westliche Ansatz, ist dagegen meist eher neurologisch, kognitiv oder emotional. Jedoch treffen sich die beiden Lehren in den Mitteln, die sie gefunden haben, um den menschlichen Geist neu zu orientieren und zu beruhigen. Yoga hält die Ich-Bezogenheit für das größte Hindernis, während die Psychologie dies als die Grundlage des Heilens ansieht. Dieser Unterschied darf jedoch insofern nicht überzeichnet werden, als es immer um die Frage geht, was jemand will. In der humanistischen Psychologie ist man der Meinung, dass die Grenzen des Ichs wachsen können. Ausgehend vom Körpergefühl im engsten Sinne kann es sich bis ins soziale und sogar ökologische Bewusstsein entwickeln. Und im Yoga gehen wir eben noch einen Schritt weiter: Menschen können bereits nach kurzer Zeit die Erfahrung machen, dass es etwas Größeres gibt, als all das, mit dem man sich normalerweise identifiziert. Yoga ist eine mystische Lehre, ein Befreiungsweg, und das hat natürlich etwas Elitäres an sich, während die Psychologie im Prinzip allen Individuen Hilfe anbieten möchte. In der Psychologie geht es weniger darum, einen Weg vorzugeben, sondern dem Menschen dabei zu helfen, den selbst gewählten Weg zu gehen. Für mich gibt es für beide Ansätze die jeweils richtigen Umstände und richtigen Zeitpunkte im Leben eines Menschen.
