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01.07.2008 
Euro 2008

Eine schöne Laune der Götter

von Florian Haupt

Vieles wird bleiben von dieser Europameisterschaft, mehr als von anderen Turnieren. Entgegen vieler Prognosen hat die Euro 2008 mutigen, unberechenbaren und spektakulären Fußball geboten.

Heiß begehrt: Spaniens Sergio Ramos mit dem Pokal. Foto: apLupe

Heiß begehrt: Spaniens Sergio Ramos mit dem Pokal. Foto: ap

BERLIN. Bleiben wird zum Beispiel die kühne Maßnahme von Hollands Trainer Marco van Basten in der Halbzeitpause des zweiten Gruppenspiels gegen Frankreich. Seine Mannschaft war früh 1:0 in Führung gegangen und danach zunehmend unter Druck geraten. Ihre Verteidigung wirkte schwach und anfällig. Sie musste personell verstärkt werden - dachte man. Van Basten dachte anders. Er nahm den Defensivspieler Engelaar heraus und brachte den Halbstürmer Robben.

Am Ende siegte van Basten mit 4:1, weshalb seine Maßnahme in doppelter Hinsicht als symbolisch gelten darf. Diese EM belohnte die Offensive, und sie honorierte den Mut. Sie steigerte sich von Minute zu Minute und sie hielt unglaubliche Volten parat. "Nach jedem Spiel denkt man, man hat das Schönste schon gesehen", sagte Zinédine Zidane, und doch wurde es immer noch besser.

Zidane gehörte zwei Jahre nach seinem Karriereende zum Wenigen, das dieser EM gefehlt haben mag - das erste Frankreich "post-Zizou" war die größte Enttäuschung des Turniers. Die Positionsfußballer von Trainer Raymond Domenech hatten nichts zu bieten bei einer Europameisterschaft, die von entfesselter Spielfreude bestimmt wurde und in ihren schönsten Facetten - Holland, Russland, Spanien - an den "Totaal Voetball" der wilden siebziger Jahre erinnerte.

Wie gesagt, es wurde immer besser, man sah das auch an der Abfolge der Favoriten, die so häufig gewechselt hat wie selten zuvor während eines Turniers. Am Anfang galten Frankreich und Italien als Maß aller Dinge, erbrechtlich gewissermaßen, die Finalisten der WM 2006. Ihr Fußball: kühl, berechnend. Holland erledigte das Thema mit zwei fulminanten Siegen im direkten Vergleich und übernahm den Thron - bis sich im Viertelfinale mit den Russen eine noch aufregendere Mannschaft fand. Zurecht lobte alle Welt nun das Team von Guus Hiddink, und die Buchmacher reduzierten ihre Quoten. Doch dann kam im Halbfinale Spanien und führte noch perfekteren Fußball auf. Nach jedem Tor ihres 3:0-Siegs spielten die Iberer nur um so energischer nach vorn. Verteidigung durch Angriff.

Haben wir nun also einen neuen Trend? Bricht eine Epoche des schönen Spiels an, nach den enttäuschenden Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie der durchwachsenen EM 2004? Gemach. Womöglich ist es eher so, wie der argentinische Fußball-Weise Jorge Valdano der heutigen Ausgabe des "Spiegel" gesagt hat. Wäre etwa im Elfmeterschießen des Viertelfinals statt des Italieners De Rossi der Spanier Fàbregas gescheitert, dann "wäre jetzt vielleicht Italien das Modell für den Weltfußball", so Valdano. "Nun haben die Götter beschlossen, einer frischeren, attraktiveren Idee von Fußball zum Durchbruch zu verhelfen."

Dass diese Laune auf Jahre Bestand hat, wäre töricht zu prognostizieren. Der Fußball, auch das eine Lehre dieses Turniers, verweigert sich den einfachen Wahrheiten. Kaum ein Spiel verlief wie erwartet, die heroischen Aufholjagden der von Verletzungen geplagten Türken sind da nur der eindringlichste Beweis, die flatterhafte Kampagne der deutschen Elf ein anderer.

Diese Europameisterschaft hat Gesetzmäßigkeiten über den Haufen geworfen, etwa die vom frühen Scheitern der Spanier. Sie hat sich jeder Planbarkeit entzogen und all jenen einen Strich durch die Rechnung gemacht, die den Laptop für wichtiger erachten als die Phantasie und das Konzept für wichtiger als den Instinkt. Sie hat eine Atempause bereitet im rasanten Verwissenschaftlichungsprozess dieses Sports. Der Fußball hat seinen Platz zurückgefordert als Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten, als Ort von Legenden, als Advokat des Zufalls.

Symptomatisch dafür das Tor, mit dem alles begann. Als die Niederlande am dritten Turniertag abends auf Italien trafen, hatte es ein, zwei bessere und drei, vier schlechtere Spiele gegeben. Dann kam es zu jener Szene, über die Europa völkerverbindend eine ganze Nacht diskutierte. Ruud van Nistelrooy traf zum 1:0, während der Italiener Panucci nach einem Zusammenprall hinter der Torlinie lag. Panucci hatte sich nicht abgemeldet, deshalb kein Abseits, entschied der Schiedsrichter, und in langen Statements gaben ihm die Regelhüter der Welt später Recht. Aber natürlich hätte man genauso anders entscheiden können - wie hätte sich der taumelnde Panucci denn schon abmelden sollen? Egal, das Tor galt, und Holland begann zu verführen.

Vielleicht war schon das der Moment, in dem die Götter beschlossen, dass aus dieser Europameisterschaft etwas Besonderes werden sollte.

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