0 Bewertungen
01.07.2008 

Haben wir nun also einen neuen Trend? Bricht eine Epoche des schönen Spiels an, nach den enttäuschenden Weltmeisterschaften 2002 und 2006 sowie der durchwachsenen EM 2004? Gemach. Womöglich ist es eher so, wie der argentinische Fußball-Weise Jorge Valdano der heutigen Ausgabe des "Spiegel" gesagt hat. Wäre etwa im Elfmeterschießen des Viertelfinals statt des Italieners De Rossi der Spanier Fàbregas gescheitert, dann "wäre jetzt vielleicht Italien das Modell für den Weltfußball", so Valdano. "Nun haben die Götter beschlossen, einer frischeren, attraktiveren Idee von Fußball zum Durchbruch zu verhelfen."

Dass diese Laune auf Jahre Bestand hat, wäre töricht zu prognostizieren. Der Fußball, auch das eine Lehre dieses Turniers, verweigert sich den einfachen Wahrheiten. Kaum ein Spiel verlief wie erwartet, die heroischen Aufholjagden der von Verletzungen geplagten Türken sind da nur der eindringlichste Beweis, die flatterhafte Kampagne der deutschen Elf ein anderer.

Diese Europameisterschaft hat Gesetzmäßigkeiten über den Haufen geworfen, etwa die vom frühen Scheitern der Spanier. Sie hat sich jeder Planbarkeit entzogen und all jenen einen Strich durch die Rechnung gemacht, die den Laptop für wichtiger erachten als die Phantasie und das Konzept für wichtiger als den Instinkt. Sie hat eine Atempause bereitet im rasanten Verwissenschaftlichungsprozess dieses Sports. Der Fußball hat seinen Platz zurückgefordert als Spiel der unbegrenzten Möglichkeiten, als Ort von Legenden, als Advokat des Zufalls.

Symptomatisch dafür das Tor, mit dem alles begann. Als die Niederlande am dritten Turniertag abends auf Italien trafen, hatte es ein, zwei bessere und drei, vier schlechtere Spiele gegeben. Dann kam es zu jener Szene, über die Europa völkerverbindend eine ganze Nacht diskutierte. Ruud van Nistelrooy traf zum 1:0, während der Italiener Panucci nach einem Zusammenprall hinter der Torlinie lag. Panucci hatte sich nicht abgemeldet, deshalb kein Abseits, entschied der Schiedsrichter, und in langen Statements gaben ihm die Regelhüter der Welt später Recht. Aber natürlich hätte man genauso anders entscheiden können - wie hätte sich der taumelnde Panucci denn schon abmelden sollen? Egal, das Tor galt, und Holland begann zu verführen.

Vielleicht war schon das der Moment, in dem die Götter beschlossen, dass aus dieser Europameisterschaft etwas Besonderes werden sollte.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige
Anzeige

weiterBildergalerien

zurück
vor