Als Michael Ballack nach den Qualitäten der türkischen Nationalmannschaft befragt wurde, lobte er die "große mentale Stärke" des Gegners. Sie könnten mit ihren Emotionen Gegner unter Druck setzen und in kürzester Zeit Torchancen erzwingen, sagte Ballack der "FAS" über den deutschen Gegner im EM-Halbfinale am Mittwoch in Basel.
HB TENERO. Und plötzlich redete der Kapitän wieder von den deutschen Tugenden, die er bei sich und den Kollegen nach der 1:2-Niederlage im zweiten Gruppenspiel gegen Kroatien noch so vermisst hatte. Nun hat er diese auch bei den Türken beobachtet.
Und als gestern auch noch Teammanager Oliver Bierhoff auf der Pressekonferenz im "Centro sportivo" von Tenero im Zusammenhang mit der Türkei die Worte "deutsche" und "Tugenden" in den Mund nahm, da fragten sich die Zuhörer allmählich, ob die Türken nicht in Wahrheit nicht doch die Preußen des Orients sind? Die Türkisch-Islamische Union (Ditib) jedenfalls sprach gestern im Hinblick auf das Spiel von "einer Begegnung unter Brüdern".
Ballack erwähnte seinerseits die deutschen Trainer und Spieler, die in den vergangenen Jahren in der Türkei gearbeitet haben. Zwar steht mit Bayerns Hamit Altintop nur ein Spieler in der EM-Mannschaft von Fatih Terim, der in Deutschland geboren ist, aber "die Türken kommen gut klar mit der deutschen Mentalität", so der deutsche Kapitän. Da sei es schon erlaubt, Vergleiche ziehen.
Die sind in der Geschichte nichts Neues. Behaupten doch Historiker, dass die moderne Türkei ohne deutsche Mithilfe nicht denkbar wäre. Freilich ergab sich die damalige Konstellation eher aus der Not. Die Großmacht Türkei befand sich im Niedergang. Die militärische Niederlage gegen Russland zwang die Osmanen, auswärtige Hilfe zu suchen. Otto von Bismarck gab allmählich seine reservierte Haltung gegenüber Istanbul auf, wollte er doch einen Gegenpol zu Frankreich und England bilden.
Das Experiment gelang zwar nicht auf allen Ebenen. Die Armee-Reform des deutschen Generals Colmar von der Goltz war zunächst nicht so erfolgreich, wie von Bismarck gewünscht, doch sicherten Colmars Kontakte den Deutschen umfangreiche Rüstungsexporte, die 1915 letztlich dazu führten, dass die fünfte osmanische Armee in der Dardanellenschlacht die Briten besiegte. Der Oberbefehl wird gemeinhin Mustafa Kemal zugeschrieben, der später als Atatürk die laizistische Republik Türkei gründete. Tatsächlich aber wurden die Osmanen vom deutschen General Liman von Sanders befehligt.
Transfers militärischer Art kamen mit der deutschen Niederlage zu ihrem Ende. Doch die Geschichte wiederholte sich im Fußball auf frappierende Weise. Mit dem Engagement von Ex-Bundestrainer Jupp Derwall bei Galatasaray Istanbul begann eine deutschen Trainertradition auf eurasischem Boden, die bis heute weit über den Status üblicher Fußball-Entwicklungshilfe hinausgeht. Der deutsche Fußball, Mitte der achtziger Jahre zwar angeschlagen, doch aufgrund seiner imposanten Titelsammlung zweifellos glamourös, war das erklärte Vorbild der Türken. Nirgendwo stand und steht "Almanya" so hoch im Kurs.
Derwall folgten Trainer wie Karl-Heinz Feldkamp (Galatasary), Christoph Daum (Fenerbahce und Besiktas) und 1998 auch Joachim Löw (Fenerbahce). Sie prägten die Fußballschule der Klubs bis heute. Als Galatasaray zur neuen Saison einen Trainer suchte, weil Feldkamp aufgehört hat, wurde man wieder in Germanien fündig: Michael Skibbe, ehemals Leverkusen, übernimmt den Job. Und Fenerbahce soll angeblich schon eine Villa eingerichtet haben, um Löw zur Rückkehr zu bewegen.
Auch die Nationalelf wurde auf ihrem Weg von einer Truppe, die zuhause 0:8 gegen England verlor (1984), zu einer ernsthaften Größe von einem Deutschen begleitet. Sepp Piontek, Nationaltrainer von 1990 bis 1993, gilt am Bosporus, als Vater der späteren Erfolge.
Die Trainer sorgten dafür, dass türkische Mannschaften langsam, aber doch merklich Eigenschaften des deutschen Spiels adaptierten. Und wer heute einen Blick auf ihren Fußball wirft, der erkennt Ähnlichkeiten mit dem Spiel deutscher Nationalteams. Er ist von großem physischen Einsatz geprägt. Er lebt von Leidenschaft. Die Türken sind wie die Deutschen eine archetypische Turniermannschaft - Steigerungen von Spiel zu Spiel verstehen sich von selbst. Und gelten die Deutschen als die Hohepriester des Elfmeterschießens, so eifern die Türken ihnen auch dabei tüchtig nach. Die größten Erfolge neben dem dritten Platz bei der WM 2002 - der Uefa-Cup-Sieg Galatasarays im Jahr 2000 und nun das Halbfinale bei dieser Europameisterschaft - besiegelten sie vom Punkt aus.

