Superstar Cristiano Ronaldo hat den portugiesischen Fußball-Künstlern mit seinem ersten Turniertor den Weg ins Euro-Viertelfinale geebnet. In einem faszinierenden Duell der Systeme lieferten die Tschechen in Genf den Iberern in der temporeichen und abwechslungsreichen Partie einen offenen Kampf, den sie am Ende mit etwas Pech verloren.
fha/HB GENF. Mit seinem insgesamt dritten EM-Treffer war Ronaldo am 3:1 (1:1)-Erfolg des Vize-Europameisters gegen Tschechien maßgeblich beteiligt. der derzeit vielleicht beste Fußballer der Welt sorgte in der 63. Minute für die Vorentscheidung zum 2:1: Nach einem Zuspiel von Deco ließ der 23-Jährige vom Champions-League-Sieger Manchester United dem ehemaligen Welttorhüter Petr Cech keine Chance. Für den Endstand sorgte der eingewechselte Quaresma in der ersten Minute der Nachspielzeit, die Vorbereitung leistete Ronaldo.
Karel Brückner hatte nicht viel mehr als Stirnzunzeln geerntet, als er vor dem Spiel gegen Portgugal behauptete, „wir sind nicht schwächer als sie“. Seine Tschechen, die Glücksritter aus dem Eröffnungsspiel, als sie mit einer einzigen Torchance die Schweiz besiegten, auf Augenhöhe mit Portugal, einem Mitfavoriten, der die Türkei 2:0 ausgespielt hatte? Doch Brückner (68), der Weise auf der Trainerbank, sollte Recht behalten. Tschechien lieferte in Genf einen offenen Kampf, den es am Ende mit etwas Pech verlor. Nun muss das Team wieder um das Weiterkommen bangen. Der Europameister von 1976 trifft zum Vorrundenabschluss am Sonntag (20.45 Uhr) in einem echten Endspiel um den Viertelfinaleinzug auf die Türkei, die später am Abend dem Gastgeber Schweiz mit einem Last-Minute-2:1-Sieg den EM-K.o. versetzte. Das letzte Spiel der Eidgenossen gegen Portugal ist damit quasi bedeutungslos.
Entsprechend erleichtert war anschließend Portugals brasilianischer Trainer Luiz Felipe Scolari: „Ich bin sehr erfreut, ein Kompliment an mein Team. Das war ein Sieg der ganzen Mannschaft. Ein Sieg wie dieser zeigt, dass unsere Arbeit Früchte trägt“, äußerte sich der Coach, von dem am Abend bekannt wurde, dass er in der neuen Saison den Ballack-Klub FC Chelsea übernehmen wird. Ronaldo ergänzte: „Ich habe der Mannschaft geholfen zu siegen. Mein Anteil war eher gering. Die Mannschaft war sehr gut, unser erstes Ziel ist zu 99 Prozent erreicht.“ Portugals Fußball-Ikone Eusebio, der auf der Tribüne enthusiastisch feierte, gab sich noch euphorischer: „Portugal kann von dem EM-Titel träumen. Wir haben eine gute portugiesische Mannschaft gesehen, die ein Sieg für das portugiesische Volk vollbracht hat“, jubelte er.
Dafür hatten die Iberer aber hart arbeiten müssen. Vor allem Tschechiens Libor Sionko machte von Beginn an Betrieb. Dennoch gingen die Portugiesen in der 8. Minute in Führung. Es war ein glücklicher Treffer, aber doch einer, der mal wieder zeigte, dass wenige Nationen so schön Fußball spielen wie sie. Cristiano Ronaldo passte zu Deco, erhielt den Ball zurück, passte zu Nuno Gomes, der ihn mit dem Rücken zum Tor per Außenrist in den Strafraum legte. Ehe Ronaldo vollstrecken konnte, brachte Tschechiens Torwart Petr Cech seine Finger dazwischen, das Leder prallte zu Deco, wieder schmiss sich Cech in den Weg, es kam zurück zu Deco, jetzt stand nur noch ein Verteidiger im Weg. Aus kürzester Distanz schoss Deco ihm den Ball durch die Beine ins Netz.
Tschechien versuchte, sofort zurückzuschlagen, es gab kleinere Chancen durch Jankulowski und Baros, der diesmal anstatt von Jan Koller stürmte. Und dann kam wieder Sionko, der in der dänischen Liga beim FC Kopenhagen angestellt ist. Über rechts drang er in den Strafraum ein, die Portugiesen konnten zur Ecke klären, und die verwandelte Sionko dann per Kopf gleich selbst (17.). Obwohl er nur 1,78 Meter misst – und damit eigentlich zu den wenigen Tschechen gehörte, die Portugals Trainer Luiz Felipe Scolari nicht fürchtete. „Sie sind im Schnitt 1,84 Meter groß, darauf müssen wir besonders aufpassen“, hatte der gewarnt.
In einem faszinierenden Kampf der Systeme operierten die Tschechcen fortan weiter mit hohen Bällen und direktem Spiel, während die Portugiesen nun häufiger lange Ballstafetten zu Wege brachten. Zu Torchancen kamen sie bis zur Pause allerdings nur noch durch Distanzschüsse, von Deco und immer wieder von Cristiano Ronaldo. Mit links zog er ab, mit rechts versuchte er es, und auch per Freistoß. Jeweils fand er in Petr Cech seinen Meister.
Portugal war nicht zufrieden mit sich, im Kabinengang gestikulierte Deco zum Ende der Halbzeitpause wild mit seinen Mittelfeldkollegen. Der kleine Spielmacher mag bei seinem Verein FC Barcelona an Bedeutung verloren haben, angeblich auch wegen nächtlicher Zechtouren – bei Portugal ist er immer noch der Chef. Von seinen Füßen entsprangen die meisten gefährlichen Aktionen, wie in der 58. Minute, als Simao nach Decos Zuspiel an Cech scheiterte.
Nur logisch, dass Deco auch an der neuerlichen Führung beteiligt war. Einen klugen Diagonalpass von Joao Moutinho passte er von rechts mit der Pike nach innen – und dann fiel es endlich, das erste Turniertor des besten Fußballers der Welt. Cristiano Ronaldo beförderte den Ball per Direktabnahme von der Strafraumgrenze ins Netz (68.).
Das Spiel war damit aber längst nicht gelaufen, treu ihrem Stil kamen die Tschechen vor allem bei hohen Bällen zu exzellenten Möglichkeiten und hatten dabei in dem unsicheren portugiesischen Keeper Ricardo einen kongenialen Allierten. Bereits kurz vor dem Rückstand hatte Kapitän Ujfalusi eine Ecke nur knapp am Tor vorbei geköpft, wenig später blieb Grygeras Drehschuss an einem gegnerischen Bein hängen. In der 73. Minute dann trieb Brückner sein System auf die Spitze: Er brachte den 2,02-Meter-Hünen Jan Koller. Kurioserweise besaß die beste Kopfballgelegenheit aber wieder der kleine Sionko. Doch Ricardo ist auf der Linie ein präsentabler Tormann – er lenkte den Ball über die Latte.
Vielleicht hätte Brückner eben doch lieber Vaclav Sverkos bringen sollen, jenen Stürmer, der in seinem ersten Länderspiel gegen die Schweiz besagte einzige Chance verwandelt hatte. Am Ende jedenfalls wurde Brückner („Die Portugiesen spielen spektakulär, aber das heisst nicht, dass sie gewinnen“) doch widerlegt. Nach einem ziemlich spektakulären Sprint von Ronaldo und einem uneigennützigen Abspiel erhöhte Quaresma in der Nachspielzeit sogar noch auf 3:1.

