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20.06.2008 
Müder Kick, dramatisches Ende

Türkisches Wunder geht gegen Kroatien weiter

Das türkische Wunder geht weiter: Mit einem neuerlichen „finale furioso“ dieses Mal gegen das wie die sicheren Sieger aussehende Kroatien hat das Team von Trainer Fatih Terim erstmals in seiner Geschichte den Einzug ins Halbfinale einer Europameisterschaft geschafft, wo die „Comeback-Könige“ nun auf Deutschland treffen. Zum Helden wurde ausgerechnet ein Türke, der zwei Minuten vor Spielschluss noch der große Trottel war.

Grenzenloser Jubel: Die türkischen Spieler freuen sich nach dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Kroatien über den Einzug ins Halbfinale der Euro 2008. Foto: dpaLupe

Grenzenloser Jubel: Die türkischen Spieler freuen sich nach dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Kroatien über den Einzug ins Halbfinale der Euro 2008. Foto: dpa

HB WIEN. Nach einer dramatischen Verlängerung mit späten Toren durch den in der 97. Minute eingewechselten Bremer Ivan Klasnic (119.) und Semih (120.+2) zum 1:1 gewann die Mannschaft von Fatih Terim am Freitag in Wien mit 3:1 im Elfmeterschießen gegen Kroatien. Deren Jungstar Luca Modric und der Schalker Ivan Rakitic zielten im Elfmeterschießen vorbei, den Schuss des Dortmunder Mladen Petric hielt der türkische Torhüter Rüstü. Der 35-jährige Routinier, der den rot-gesperrten Stammtorwart Volkan vertrat, avancierte damit doch noch zum Matchwinner für die Türken, nachdem er bei späten Rückstand noch übermotiviert aus seinem Tor gelaufen war und damit dem Führungstreffer der Kroaten den Weg bereitet hatte.

„Es war wieder unbeschreiblich. Was wir in den letzten drei Spielen geleistet und was für eine Moral wir gezeigt haben, ist unglaublich“, sagte Hamit Altintop von Bayern München, der im Elfmeterschießen den entscheidenden Treffer erzielte. Auch „Imperator“ Fatih Terim war begeistert: „Wir sind eine starke Mannschaft, wir haben sehr gut gespielt“, sagte er und fügte an: „Wir haben gekämpft, die Spieler übertreffen sich selbst. Das ist wirklich einmalig in der Geschichte. Wir gehören zu den besten Fußballnationen in Europa. Unser Volk kann sich freuen.“

Die Türkei feierte mit dem erstmaligen Einzug in die Vorschlussrunde den größten Erfolg seit dem dem dritten Platz bei der Weltmeisterschaft 2002. Dort werden mit Tuncay, Arda und Emre Asik allerdings gleich drei Spieler fehlen, die jeweils ihre zweite Gelbe Karte sahen. Nach ihren Last-Minute-Siegen in der Vorrunde gegen Gastgeber Schweiz (2:1) und Tschechien (3:2) wurde der Kampfgeist die Türken vor 51 428 Zuschauern im Ernst-Happel-Stadion erneut belohnt. Die Kroaten, WM-Dritter von 1998, scheiterten bei ihrer dritten EM-Teilnahme zum zweiten Mal nach 1996 im Viertelfinale.

Türkei flößt Bundestrainer Löw viel Respekt ein

Bundestrainer Löw hat zwar nach dem 3:2 im Viertelfinale gegen Portugal das Endspiel als Ziel ausgegeben, der Gegner auf dem Weg dorthin flößt ihm aber Respekt ein: „Die Türken haben im bisherigen Turnierverlauf gezeigt, dass mit ihnen immer zu rechnen ist, egal wie der Spielstand ist. Sie sind sehr, sehr unberechenbar und dadurch auch gefährlich. Sie haben sehr gute Einzelspieler, die technisch auf einem hohen Niveau spielen. Ich kenne natürlich auch die Mentalität der Türken. Wenn es bei ihnen läuft, sind sie zu Außergewöhnlichem fähig.“

Löw spricht aus Erfahrung: In der Saison 1998/99 war er Trainer beim türkischen Spitzenklub Fenerbahce Istanbul, 2001 noch einmal bei Adanaspor. Und auch der Respekt kommt angesichts der erfolgreichen Aufholjagden nicht von ungefähr.

Auch gegen die überlegenen, aber nicht überzeugenden Kroaten kamen die Türken erst spät in Fahrt. Die als Duell der Leidenschaft apostrophierte Begegnung reichte aber über die gesamte Spielzeit bei weitem nicht an die Qualität der Partie Deutschland gegen Portugal am Vorabend heran. Kroatiens Fußball-Minimalisten verließen sich einmal mehr auf ihre gut organisierte Abwehr und vermieden bis auf einige Vorstöße über die linke Seite ein allzu großes Risiko. Da auch bei den Türken nach vorne nicht viel zusammenlief, entwickelte sich ein enttäuschendes Spiel. Immer wieder wurde der zweifache Turnier-Torschütze Nihat mit langen Bällen gesucht, doch gegen die Bundesliga-erfahrenen Robert Kovac und Josip Simunic konnte sich der Angreifer vom FC Villarreal nicht entscheidend durchsetzen.

Das erste Achtungszeichen setzte Hamit Altintop, der offensiver ausgerichtet als zuletzt im zentralen Mittelfeld spielte. In der 5. Minute flog ein Versuch des Bayern-Profis aus gut 20 Metern knapp am kroatischen Tor vorbei. Der 25-Jährige war einmal mehr auffälligster Akteur auf türkischer Seite, fand jedoch für seine Bälle zu selten einen Abnehmer.

Auf der Gegenseite leitete ein Ballverlust von Sabri die erste Möglichkeit für Bilic' Elf, doch Darijo Srna kam bei der Flanke des Schalkers Ivan Rakitic einen Schritt zu spät (6.). Zwölf Minuten später hatten die kroatischen Fans bereits den Torschrei auf den Lippen, doch Ivica Olic vom Hamburger SV brachte das Kunststück fertig, den Ball aus vier Metern Entfernung an die Latte zu schießen. Der 35-jährige Rüstü, der den rot-gesperrten Volkan im türkischen Tor vertrat, hätte in dieser Szene keine Chance gehabt.

Lethargie verfliegt erst spät

Sein kaum beschäftigtes Gegenüber Stipe Pletikosa wäre in der 38. Minute beinahe von einem 35 Meter-Schuss von Mehmet Topal überrascht worde, der haarscharf am Winkel vorbeistrich. Kurz davor hatten die Türken vergeblich einen Elfmeter reklamiert, nachdem Simunic seinen Gegenspieler Tuncay im Strafraum unsanft von den Beinen geholt hatte.

Mit seinem Zögern gegen Olic (51.) machte Rüstü kurz nach Wiederbeginn deutlich, dass er seinen Leistungszenit bereits überschritten hat. Der HSV-Stürmer konnte jedoch auch aus dieser unverhofften Gelegenheit kein Kapital schlagen.

In der letzten halben Stunde verflachte die Partie zusehends, weil beide Mannschaften ihre Offensivbemühungen noch weiter einschränkten. Mit „Immer wieder Österreich“-Gesängen machte ein Großteil der neutralen Fans seinem Unmut über das schwache Spiel Luft. Erst sechs Minuten vor Ende der regulären Spielzeit erwachte die Partie aus ihrer Lethargie, als Rüstü einen Freistoß von Srna bravourös entschärfte.

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