Als aber 2007 in Italien nach blutigen Fan-Krawallen mehr als 20 Spiele in leeren Stadien stattfinden mussten, nutzten zwei schwedische Forscher die unerwartete Gelegenheit: Sie werteten die Spiele aus und kamen zu dem Ergebnis: Die Schiedsrichter bestraften Fouls der Heimteams deutlich härter als in vergleichbaren Spielen vor vollen Rängen.
Ähnlich wie die Spielleiter seien auch Richter und Politiker gefährdet, sich vom Druck der Massen einschüchtern zu lassen, warnen die Autoren. "Nur wenn sie wissen, wie leicht man sich beeinflussen lässt, können sie lernen, damit umzugehen", sagte die britische Wissenschaftlerin Katie Page.
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Die Erkenntnisse der Forschung sollten bei Schiedsrichter-Lehrgängen unbedingt berücksichtigt werden, fordert Page. Sie präsentierte in Innsbruck eine Studie, in der sie zeigte, dass die Parteinahme für das Heimteam immer größer wird, je mehr Zuschauer im Stadion sind. Dafür hatte sie ihren Computer mit Daten aus fast 40 000 Fußballspielen gefüttert, die Internetdatenbanken wie etwa soccerbase.com bereithalten.
Weniger Glück mit der Datenlage hatten Marc Lenz, Matthias Sutter und Martin Kocher, als sie untersuchen wollten, ob beim Elfmeterschießen tatsächlich meist die gewinnen, die zuerst schießen. Die Spielprotokolle der Datenbanken waren nicht genau genug. Die Forscher mussten daher im Archiv der Kölner Sporthochschule Dutzende Jahrgänge der Sportzeitschrift "Kicker" wälzen und die Daten per Hand herausschreiben. Doch die Arbeit lohnte sich - durch die Auswertung von rund 200 deutschen und italienischen Pokalspielen konnten die Forscher mit zwei alten Fußball-Mythen aufräumen: Weder gewinnt die Heimmannschaft öfter noch die, die zuerst schießt. Ziel der Studie war aber nicht nur, Binsenweisheiten zu widerlegen, sondern auch, das Verhalten von Entscheidungsträgern in Drucksituationen zu untersuchen, bei denen es um extrem viel Geld geht. "Elfmeterschießen sind ein gutes Beispiel dafür, wie sich sozialer Druck auf die Leistung auswirkt", sagt Marc Lenz, "das dürfte für alle Organisationen interessant sein."
