Fußballfans können die Europameisterschaft in weiten Teilen Deutschlands auf dem Handy verfolgen. Pünktlich vor dem Eröffnungsspiel bieten sämtliche großen Mobilfunkbetreiber neue Geräte an, die den kostenlosen Fernsehempfang unterwegs ermöglichen.
Mobilfunkkonzerne zweifeln an der Bereitschaft ihrer Nutzer, für Handy-TV zu bezahlen. Zur Vollansicht bitte anklicken.
DÜSSELDORF. Die Handys der asiatischen Hersteller LG und Gigabyte fangen die Signale der bereits in vielen Haushalten verbreiteten TV-Übertragungstechnik "DVB-T" ein, die auch als "digitales Antennenfernsehen" bekannt ist.
Die Mobilfunkanbieter treffen damit eine wichtige Vorentscheidung im Kampf der konkurrierenden Handy-TV-Standards und durchkreuzen die Pläne des Konsortiums Mobile 3.0, das auf die alternative "DVB-H" (Digital Video Broadcasting-Handheld)-Technik setzt. Hinter Mobile 3.0 steht der südafrikanische Medienkonzern Naspers sowie die Verlagshäuser Burda (Focus, Bunte) und Holtzbrinck (Handelsblatt, Zeit).
Netzbetreiber und Branchenkenner sehen die speziell auf mobile Geräte abgestimmten Übertragungstechnik vor dem Aus. "Das mobile Fernsehen auf der Basis von ?DVB-H? ist tot", sagt Hamid Akhavan, Chef der Telekom-Tochter T-Mobile. Auch die anderen Netzbetreiber sehen die Pläne von Mobile 3.0 skeptisch. Es gebe bisher keine Gespräche mit dem Unternehmen über eine Vermarktung des Angebotes, heißt es bei den Telekom-Konkurrenten.
Die Konzerne hatten sich selbst um die "DVB-H"-Lizenz bemüht, im vergangenen Herbst aber gegen Mobile 3.0 den Kürzeren gezogen. Jetzt verweigern sie dem Konsortium die Unterstützung. Ohne die Vertriebsmacht der Konzerne hat Mobile 3.0 nach Einschätzung von Veit Siegenheim, Geschäftsführer Kommunikation bei der Unternehmensberatung Accenture, aber wenig Aussichten, in großer Zahl Kunden zu gewinnen.
Die Mobilfunkkonzerne zweifeln an der Bereitschaft ihrer Nutzer, für Handy-TV zu bezahlen. "Das Modell eines kostenpflichtigen Angebots auf Basis eines separaten TV-Signals ist schwierig", sagt der Deutschland-Chef des zweitgrößten Anbieters Vodafone, Friedrich Joussen. Er wollte das "DVB-H"-Angebot mit Werbung finanzieren.
Das Geschäftsmodell von Mobile 3.0 dagegen beruht darauf, Kunden eine monatliche Gebühr von etwa fünf Euro in Rechnung zu stellen. Das größere Problem: Mobile 3.0 verpatzte den avisierten Start zur Fußball-EM. Das Konsortium hatte sich vorgenommen, rechtzeitig in mehreren großen Städten auf Sendung zu gehen.
Verzögerungen bei der Vergabe der dafür nötigen Lizenzen führten aber dazu, dass die Ausstrahlung der Programme jetzt lediglich in vier Städten im Testbetrieb läuft. Und selbst dort können die Handy-Besitzer die Signale nicht empfangen, da es bislang in Deutschland keine "DVB-H"-tauglichen Geräte zu kaufen gibt.
Mobile 3.0-Chef Rudi Gröger gibt sich trotz allem optimistisch und verweist auf technische Nachteile von "DVB-T". Tatsächlich wurde der Standard, im Gegensatz zu "DVB-H", nicht für den mobilen Einsatz entwickelt. Die Technik in Handys einzupflanzen, galt noch bis vor einigen Monaten als höchst problematisch: Der Fernsehempfang zehrte an den Kapazitäten der Akkus. Zudem sank bei schneller Fahrt in Zügen oder Autos die Übertragungsqualität dramatisch.
Dass der koreanische Hersteller LG und dessen taiwanische Konkurrent Gigabyte die Probleme schnell in den Griff bekamen, überraschte selbst Fachleute. Im Praxis-Test der Computerzeitschrift c?t erreichte das LG-Gerät im TV-Betrieb eine Akkulaufzeit von mehr als zwei Stunden. Auch bei zügiger Fahrt blieb die Bildqualität tadellos.
Die Mobilfunkanbieter versuchen jetzt, diese Geräte mit hoch subventionierten Verträgen und Werbekampagnen in den Markt zu drücken. Sie verzichten damit allerdings auf eine zusätzliche Erlösquelle, an die einige Experten große Erwartungen geknüpft hatten. "Es ist eine Entscheidung für die Kundenbindung und gegen zusätzliche Einnahmen", sagt Michael Schmid von der Medienberatung Goldmedia.
Nach seiner Einschätzung dürften auch die Werbeeinnahmen durch das Angebot sich auf absehbare Zeit in Grenzen halten. Handy-TV werde für die Werbewirtschaft erst interessant, wenn es von einer kritischen Masse von Kunden genutzt werde, sagt Schmid.
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Außerhalb Deutschlands sind die Aussichten für die "DVB-H"-Technik besser: In Österreich startet der reguläre Sendebetrieb bereits zur EM, die Partien werden an allen Spielstätten zu empfangen sein. Im Gegensatz zu Deutschland ziehen Fernsehsender, Telekomkonzerne und Rechteinhaber in der Alpenrepublik an einem Strang. "Österreich ist anders", sagt ein Sprecher der ORF-Techniktochter ORS. "Unser Vorteil ist, dass wir alle Player an einen Tisch bekommen haben." ORF-Intendant Alexander Wrabetz will sich mit diesem Angebot an die technologische Spitze unter den öffentlich-rechtlichen Sender im deutschsprachigen Raum setzen.
In den vergangenen Monaten hat auch die EU-Kommission den Standard weiter vorangetrieben. Medien-Kommissarin Viviane Reding versucht, den "DVB-H"-Standard als einheitliche Übertragungstechnik in allen europäischen Ländern durchzusetzen. Im Fall von Deutschland hat sie die Rechnung aber offenbar ohne die Mobilfunkunternehmen gemacht.
Tipps des Branchenverbands Bitkom zum mobilen Fernsehempfang finden Sie » hier