Österreich rechnet sich bei Fußball-Europameisterschaft Chancen aus – allerdings weniger sportlich: Bei der Fußball-EM im Juni erwartet das Alpenland mehr goldene Treffer für Tourismus und Wirtschaft als Tore seiner Nationalmannschaft.
Knapp über 40 Tage vor dem Anpfiff des Turniers am 7. Juni rechnet das Gastgeberland mit einem EM-bedingten Zuwachs des Brutto-Inlandsprodukts um 0,2 Prozent. Laut einer Studie für das Wirtschaftsministerium wird der Wertschöpfungseffekt der EM 539 Millionen Euro betragen. Die Fußballfestspiele, die das Land zusammen mit der Schweiz veranstaltet, sollen Österreich rund zwei Millionen Übernachtungen zusätzlich bringen.
Die Vermarkter des Standorts setzen darauf, dass die Aufmerksamkeit für das nach der Fußball-WM und den Olympischen Spielen größte Sportereignis der Welt weitere Firmen anlockt. Als Wirtschaftsnation sei Österreich besser aufgestellt als auf dem Fußballfeld, sagte Rene Siegl, der Geschäftsführer der Betriebsansiedlungsagentur Austrian Business Agency (ABA).
Entscheidungsträger ausländischer Konzerne, die den Sprung nach Österreich erwägen, können mit einer Einladung der ABA für Spiele ihrer Mannschaft rechnen. Siegl nannte keine Namen, erwähnte aber russische Investoren.
Nach den Berechnungen des Instituts für Sportökonomie SportsEconAustria sollen allein die Stadionbesucher Österreich eine Wertschöpfung von 364 Millionen Euro bringen. Auf mitreisende Personen entfallen weitere 43 Millionen Euro. Für öffentliche Veranstaltungen wie auf der Wiener Fanmeile zwischen Hofburg und Rathaus wurde ein Gesamteffekt von 222 Millionen Euro errechnet. Dabei ist der Juni auch eine überaus günstige Zeit für die Tourismuswirtschaft, weil der Monat in Österreich im Vergleich zum Winter und den Ferienmonaten Juli und August schwach gebucht ist. Insgesamt verzeichnete die Alpenrepublik 2007 mehr als 121 Millionen Übernachtungen. In- und ausländische Touristen gaben mehr als 31 Milliarden Euro aus.
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Aufbauend auf den Erfahrungen in Deutschland, wo WM-Besucher 2006 im Schnitt sechs Tage im Land blieben, nahm der Sportökonom Christian Helmenstein einen Aufenthalt von vier Tagen für EM-Touristen als Grundlage für seine Berechnungen. In Deutschland hätten Stadionbesucher etwa 250 Euro am Tag ausgegeben. „Ob uns, wie es Deutschland 2006 vorgelegt hat, ein österreichisch-schweizerisches Sommermärchen gelingen wird, hängt zentral davon ab, inwieweit es gelingt, Begeisterung zu transportieren“, sagte Helmenstein.
Siegl sieht ein „gewisses Risiko“ im Wetter und der Leistung der österreichischen Kicker. „Um wirklich dieses Fest entstehen zu lassen, gehört dazu, dass die eigene Mannschaft gut spielt, sonst entsteht im Land die Stimmung nicht“, sagte er. Österreich muss in der ersten Runde gegen Deutschland, Kroatien und Polen spielen.
Deutschland habe bei der WM Österreich einiges vorgelegt. "Für uns liegt jetzt die Latte sehr hoch“, sagte Siegl. „Uns traut man die Organisation in gleichem Maße zu, aber was die Gastfreundschaft anbelangt, liegt die Erwartungshaltung wahrscheinlich noch höher.“ Für Österreich werde es da schwieriger werden, positiv zu überraschen, erklärte er.
Die oberste Vermarkterin des Landes im Tourismus, Petra Stolba, will ihre Heimat während der EM als „charmantes Land, das zu feiern versteht“ zeigen. Sie erwartet zur EM auf ein Milliarden-Publikum, das weltweit vor Fernsehgeräten oder Riesenleinwänden bei den Spielen mitfiebert. „Es geht darum, Gäste aus aller Welt in den Alpenraum zu bekommen“, sagte die Chefin der Österreich-Werbung.
