Wie auch immer Jogi Löws Elf bei der Fußball-EM abschneidet: Eine Branche erlebt garantiert ein neues Sommermärchen: Für die Verleiher von großen Videoleinwänden fällt dieses Jahr Weihnachten in den Juni. Und wenn Fußball mal nicht mehr zieht, dann gibt es immer noch die Kamelrennen in Dubai.
Dortmund beim Spiel Deutschland gegen Polen: Tausende Fans schauen gebannt auf die Großleinwand. Foto: Reuters
NEUSS. Lahm auf Gomez, Gomez auf Klose, Klose auf Podolski - 1:0 für Deutschland gegen Polen. Hände fliegen gen Himmel, schwarz-rot-goldene Fahnen kreisen - im EM-Stadion in Klagenfurt und hier auf der Galopp-Rennbahn in Neuss. 7 000 Menschen recken die Hälse zum Bildschirm: Klose umarmt Podolski, Gomez umarmt Podolski. In Neuss ist der Torschütze fast drei Meter groß. 6,30 Meter mal 3,60 Meter misst die Großbildleinwand, die die Fans hier zehn Kilometer östlich von Düsseldorf an diesem Sonntagabend gegen ihren Fernseher eingetauscht haben - für ein wenig Stadionatmosphäre beim Fußball-EM-Gucken.
Gleicher Ort, fünf Tage früher: Es riecht nach frisch gemähtem Gras. Auf der Rennbahn dreht ein Jockey Trainingsrunden. Es ist kurz vor 16 Uhr. Nico Grzelachowski springt leichtfüßig aus seinem LKW. Er trägt ein T-Shirt, eine kurze, schwarze Hose und Turnschuhe. Sein Handy baumelt an einer Gürtelschlaufe. Die Beschaulichkeit ist vorbei. In vier Stunden muss der Job erledigt sein. In vier Stunden muss die zwei Tonnen schwere Großbildleinwand laufen, sonst fällt die Fußball-EM in Neuss aus. "Die Leinwand stand gestern noch am Strand in Holland beim Beach-Volleyball", sagtGrzelachowski und wuchtet schon den ersten Stahlträger vom Laster.
"Public Viewing" ist wieder Kult im EM-Sommer 2008. Mit Riesenleinwänden, Musik und Megastimmung lassen deutsche Städte das "Sommermärchen" der Fußball-WM 2006 wieder aufleben - ein großes Geschäft für die Verleiher von Riesenbildschirmen. Nico Grzelachowski arbeitet für Screen Rent aus Magdeburg, einen der größeren Anbieter im Land.
Es ist ein risikoreiches Geschäft. Die Anfangsinvestitionen sind hoch, der Zeitdruck ist oft enorm, und die Auftragslage schwankt saisonal stark. Weshalb Anbieter wie Screen Rent ihre Leinwände im deutschen Winter nach Dubai, Katar oder Rio de Janeiro verschiffen, wo sie dann Tennis oder Kamelrennen übertragen statt Klose, Gomez und Podolski.
In Neuss braucht Nico Grzelachowskis Leinwand als Erstes einen festen Unterbau, ein etwa drei Meter hohes Fundament, das sie stützt. "Wir nutzen dafür dasselbe Gerüstsystem wie Bauarbeiter für Häuser", sagt der technische Leiter von Screen Rent und holt einen weiteren Träger aus dem LKW. Als die Konstruktion nach einer knappen halben Stunde steht, schieben seine drei Techniker sechs wuchtige Wasserkanister auf den Boden des Gerüsts. In jeden füllt die Neusser Feuerwehr 1 000 Liter. Die sechs Tonnen Wasser bilden das Gegengewicht zur Leinwand - sogar bis Windstärke zwölf.
Screen Rent gehört zu den Anbietern in der Branche, die es Stück für Stück geschafft haben, sich einen eigenen Verleihpark aufzubauen. Damit behauptet sich die Firma bereits seit Jahren gegen Konkurrenten, die ihre Großbildsysteme selber mieten und dann weiterverleihen. Die Großen im Markt bieten häufig zusätzlich Ton-, Lichtanlagen und Bühnentechnik an. Sie gehen mit Herbert Grönemeyer oder Madonna auf Tour, sind bei Großmessen wie der Cebit oder der Automesse IAA im Einsatz. Um sich abzugrenzen, setzt Screen Rent besonders auf Veranstaltungen unter freiem Himmel.
Die Zeit drängt. Grzelachowski öffnet einen verkratzten Stahlkoffer und nimmt dicke, lange Schrauben heraus. "Damit werden die Stahlträger, die wir jetzt oben auf das Gerüst legen, verankert. Sie tragen die Leinwand." Wie ein Affe hangelt er sich Stange für Stange bis an die Spitze des Fundaments hinauf.
Eigentlich ist Grzelachowski Wirtschaftsinformatiker. Er sollte etwas Anständiges machen, fanden seine Eltern. Zufällig traf er während des Studiums Dirk Roswandowicz, den Gründer von Screen Rent. Als BWL-Student kam Roswandowicz bei einem Gang durch das Magdeburger Einkaufszentrum "Flora-Park" eine Idee: Er wollte dort eine Videowand installieren und Werbespots zeigen. Schon als Kind hatte er auf Familienfesten Videos gedreht, die er in großer Runde der Verwandtschaft zeigte.
Doch der Bank missfiel der Plan. Also kaufte er "auf Pump" drei Fernseher im Elektroladen und stellte sie einfach auf. "Das ging genau eine Woche gut - bis der Centermanager kam", erzählt Roswandowicz. Egal. Wenig später kaufte er seine erste Videowand. Der Verleih funktionierte gut, "auch wenn die Qualität der Wand grausam war". Das war 1996.
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In Neuss anno 2008 baut Screen Rent eine 22 Quadratmeter große Videoleinwand auf. Ein Quadratmeter kostet 12 000 Euro. Der Veranstalter zahlt 2 500 Euro pro Quadratmeter - inklusive Service. Ein Screen-Rent-Techniker ist ununterbrochen vor Ort. In Neuss muss die Wand drei Wochen lang einwandfrei funktionieren - ob Regen, Sturm oder Sonnenschein.
Grzelachowski öffnet einen von mehreren roten Rollkoffern. Die Leinwand besteht aus 112 Bildschirmen - im Fachjargon "Module" genannt. Jedes misst 45 mal 45 Zentimeter und wiegt knapp 20 Kilogramm. Die drei Techniker stellen die Module nebeneinander und verbinden sie mit Schnellspannriegeln. Es fällt kaum ein Wort. Jeder weiß, was zu tun ist. Nur das rhythmische Einrasten der Riegel schnalzt immer wieder durch die Luft.
Den Durchbruch erlebte "Public Viewing" - und damit das Geschäft von Firmen wie Screen Rent - bei der WM 2006. Vor zwei Jahren pilgerten 16 Millionen Menschen zum Fußballgucken ins Freie. Dabei wurden schon früher immer wieder mediale Großereignisse öffentlich live übertragen - meist aber in Konzert- oder Sporthallen. Dank Poldi & Co. steigt vor allem die Nachfrage nach Outdoor-Wänden.
Als der Boom kam, war Screen Rent bestens vorbereitet. Schon für die WM 1998 in Frankreich bekam Roswandowicz immer mehr Anfragen. Damals mietete er die Großleinwände noch selbst an, um sie aufzustellen. Der Firmengründer pokerte: Je weiter die deutsche Mannschaft kam, umso höher wurde die Miete für die Veranstalter und umso geringer die, die Screen Rent an den Verleiher zahlen musste. Bertis Buben unterlagen zwar schon im Viertelfinale 0:3 gegen Kroatien. Aber Roswandowicz war dennoch mehr als zufrieden. 2002 kaufte er die erste Videoleinwand für 350 000 Euro.
Aus siebzehn sind bis heute knapp 300 Quadratmeter geworden. Der Umsatz schoss von 250 000 Euro 2001 auf zwei Millionen Euro in diesem Jahr in die Höhe. Die Stadt Neuss zahlt knapp 60 000 Euro für drei Wochen an Screen Rent - die Hälfte trägt Sponsor RWE.
"Eine rasante Entwicklung, aber sie war auch mit viel Risiko verbunden", sagt Roswandowicz. Mittlerweile beschäftigt der 36-Jährige bei Screen Rent zwölf Mitarbeiter. Im Jahr stehen knapp 300 Veranstaltungen auf dem Programm. Außerdem ist Screen Rent exklusiver Partner der ECE-Gruppe, des europäischen Marktführers für Einkaufszentren.
Ein solcher Großkunde ist wie eine Lebensversicherung für Screen Rent, denn das Leinwandgeschäft verläuft sehr zyklisch. "Am Anfang hat der Winter den Gewinn aus dem Sommer immer wieder aufgezehrt", berichtet Roswandowicz. Auch die wenigen Wintersportveranstaltungen reichten nicht. Roswandowicz versuchte sich am Persischen Golf - mit Erfolg. Von Oktober bis April, wenn die Europäer lieber zu Hause im Warmen sitzen, verschifft Screen Rent einen Teil seines Equipments zu Tennis-Turnieren, Kamelrennen oder Privat-Partys nach Katar und Dubai.
Der Markt für den Verleih von Großbildleinwänden ist überschaubar. Zu den Marktführern gehören international tätige Unternehmen wie XL Video mit 70 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2007. Zur Fußball-EM stattet XL Video rund 30 "Public Viewing"-Standorte in Deutschland, Österreich und der Schweiz aus. "Wir freuen uns, dass die Nachfrage zur Euro 2008 genauso hoch ist wie zur WM 2006", sagt Denis Papin, Geschäftsführer von XL Video Deutschland. Bislang sind 1 000 Lizenzen bei der Uefa beantragt worden, etwa so viele wie vor zwei Jahren. Screen Rent betreut 23 Veranstaltungen - etwa in Berlin, Wien und Zürich.
Und natürlich Neuss. Ein Kranwagen bringt sich auf der Galopp-Rennbahn in Position. "Los geht's!" ruft Grzelachowski in Richtung Führerhäuschen. Langsam wird der erste Teil der Leinwand angehoben. Die Stahlketten des Krans spannen sich, der Dieselmotor röhrt unter der Last. Oben auf dem Gerüst warten zwei Techniker. "Stopp!" brüllt einer. "Einlassen!" Behutsam navigieren die beiden die Modul-Reihe auf die Stahlträger. Nach eineinhalb Stunden steht die Leinwand fast komplett auf dem Fundament. "Das Ganze funktioniert wie Lego-Bausteine - wiegt nur mehr", sagt Grzelachowski und klettert von hinten an der Leinwand hoch. Die letzten Module empfängt er in knapp sieben Meter Höhe persönlich.
Von vorne ist die Videoleinwand eine glatte, schwarze Fläche. Von hinten ähnelt sie einer Fadenzieh-Bude auf der Kirmes: Knapp 500 Kabel hängen nach unten. Während Nico Grzelachowski die Satellitenschüssel aufbaut, verbinden die anderen erst die Daten-, dann die Starkstromkabel. Ein Computer splittet das Signal zur Programmübertragung auf und verteilt es auf die einzelnen Module.
Als die Sonne hinter den Platanen verschwindet, beugt sich Grzelachowski über seinen Computer - und hält die Luft an. Erscheint das Testbild?
Was ein Panne beim "Public Viewing" anrichten kann, zeigt ein Blick nach Manchester: Beim Uefa-Cup-Finale Glasgow Rangers gegen Zenit St. Petersburg vor wenigen Wochen bekam die Leinwand in Piccadilly Gardens kein Signal. Die Folge: Über 200 frustrierte Schotten-Fans randalierten, 52 Menschen wurden verletzt.
Bei der WM 2006 hätte es Screen Rent auch fast erwischt - in Neuss. Beim Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica hatte ein Kabel einen Wackelkontakt. Tausende Zuschauer wurden immer genervter. Per Telefon beriet sich Roswandowicz mit dem Techniker vor Ort. Der Bürgermeister wollte schon alle Fans nach Hause schicken. Erst als Ballack und Co. die Nationalhymne anstimmten, flackerte das Bild auf der Leinwand endlich auf.
Im Juni 2008 ist schon fünf Tage vor am Anstoß alles klar. Nico Grzelachowski atmet auf: Ein grell-rosa Testbild baut sich, Modul für Modul, von rechts nach links auf. "Wenn die Wand einmal läuft, dann läuft sie", sagt er erleichtert. Erst nach dem EM-Finale am 29. Juni wird sie wieder abgeschaltet.
