Ein Sieg heute Abend gegen die Kroaten würde reichen. Dann wäre die deutsche Fußballnationalmannschaft bereits vorzeitig fürs Viertelfinale der Europameisterschaft qualifiziert. Ein kamerabasiertes Spielanalysesystem hilft Bundestrainer Löw, seine Profis optimal einzusetzen.
DÜSSELDORF. Auch wenn der 2:0-Erfolg am vergangenen Sonntag gegen die Polen vielversprechend war, wird ein Sieg nur gelingen, wenn Bundestrainer Löw Spieltaktik und einzelne Spieler auf die technisch sehr versierten Kroaten neu einstellt. Löw wird dazu weder seinem Bauchgefühl vertrauen, noch allein auf den scharfen Verstand seines Chef-Spielanalytikers Urs Siegenthaler setzen. Seine Geheimwaffe heißt Christofer Clemens. Der Mitarbeiter des Düsseldorfer IT- und Beratungshauses Master Coach International (MCI) ist im DFB-Team Herr über die Software, die alle Geheimnisse über Spiel und Spieler verrät und schonungslos aufdeckt.
Das Programm "Amisco" sammelt bei jedem EM-Spiel der deutschen Nationalelf bis zu 3 000 Daten über Spielgeschwindigkeit, Laufwege, Pässe und Ballkontakte. Diese Informationen helfen dem Trainerstab, die Taktik zu entwickeln.
Auch Jürgen Klinsmann setzte bei der Weltmeisterschaft vor zwei Jahren in Deutschland auf die Software von MCI. Von Klinsis Erfolg haben anschließend auch die Düsseldorfer profitiert. "In diesem Jahr waren drei von vier Halbfinalisten in der Champions League unsere Kunden. Darunter auch Manchester United, der Gewinner", freut sich MCI-Geschäftsführer Jens Urlbauer in Düsseldorf.
Fünf Mitarbeiter beschäftigt er hier. Weltweit sind es 50. Vor sieben Jahren wurde sein Unternehmen von einem norwegischen Investor gegründet, heute ist der Hauptgesellschafter ein Franzose. "Der Markt war klein und unspektakulär. Es gab viele konventionelle Anbieter, die reine Video-Analyse verkauften. Wir wollten mehr", erzählt Urlbauer. In Nizza fand er schließlich die passende Software: das Amisco-System. Acht Sensoren werden in den Stadien hoch oben unterm Dach installiert. Sie messen 25 mal pro Sekunde jede Bewegung des Spielers auf dem Feld. Bis zu 3 000 Ereignisse pro Spiel können so codiert werden.
Erfasst werden die Laufwege und Schnelligkeit der Spieler. Die Daten ermöglichen zum einen die grafische Abbildung exakter Laufprofile. Zum anderen werden die Laufmuster in 2D-Animation mit Bildern von der Fernsehübertragung kombiniert und auf DVD gespielt. Daraus entsteht eine Spielerdatenbank, welche die Entwicklungsverläufe einzelner Spieler mannschaftsübergreifend dokumentiert und bewertet.
Der Trainerstab erhält Erkenntnisse über die Geschwindigkeit der Spieler, über die Anzahl der Ballkontakte, die Verweildauers des Balles bei jedem Spieler, die Meterabstände der Viererkette, die Bewegungsradien der Mittelfeldspieler, die Härte der Pässe oder auch die Flughöhe und-kurven der Eckbälle. "Wir machen quantitative Analyse. Das heißt, wir bewerten nicht, wir sammeln alles - gute und schlechte Szenen. Die Trainer wählen aus und schlussfolgern selbst", erklärt Urlbauer.
So spielerisch die Software, so heiß umkämpft ist der Markt, auf dem sie verkauft wird. Die großen internationalen Player für video- und sensorbasierte Analyse, also das so genannt Tracking, sind ProZone in England, Match Analysis in den USA und Sport Analytics in Dortmund - die Westfalen haben in Deutschland die meisten Kunden. Doch die Düsseldorfer kommen. Zu ihren fast 50 Kunden zählen große Namen.
Neben dem DFB und dem Österreichischen Fußballbund (ÖFB) gehören Real Madrid, FC Valencia, Chelsea, Manchester United, Liverpool, Olympique Marseille, AS Monaco , Leverkusen, HSV, Dortmund und Stuttgart dazu.Das sind reiche Verbände und Vereine - doch das muss sein. Die Infrastruktur für das Amisco-System in den Stadien kostet bis zu 30 000 Euro. Für die Spielaufbereitung auf DVD müssen die Vereine durchschnittlich pro Saison 60.000 Euro zahlen.
Urlbauer rechnet für die nächsten Jahre mit einer Verdreifachung seines Umsatzes. Die will er mit einem neuen Geschäftsfeld schaffen, dem Spieler-Screening - einer DVD, die alle Informationen über einen Fußballer hergibt. "Wenn man die Spielanalyse effektiv nutzt,kann sie auch bei der Bewertung von Neuzugängen helfen", weiß Chef-Spielanalytiker Ryan Groom von Tottenham Hotspurs
, dem Club aus der englischen Premier League. Der Verein wurde - wohl auch mit Hilfe von "Amisco" - in diesem Jahr Gewinner des englischen "League Cups".
