Ralf Rangnick: Hopp lockte den Trainer der TSG nach dessen Entlassung bei Schalke 04 nach Hoffenheim in die Regionalliga. Jetzt steht Rangnick vor der triumphalen Rückkehr in die Bel Etage des deutschen Fußballs. Foto: dpa
Nur so wird Fremden begreiflich, dass das für die schönste Nebensache der Welt so radikal ausgekippte Füllhorn keine Kritik auf sich zieht. Sie wäre nicht zu begründen. Leicht zu begründen ist indes: Gäbe es mehr Manager wie Hopp, wäre der Ruf einer maßlosen Managerkaste mit obszönen Abfindungen für die Gescheiterten längst Vergangenheit.
„Klar, dass ein einziger Reicher, der so viel bewegt, Ängste hervorruft. Aber nur bei ganz wenigen bei uns“, hat der Oberbürgermeister erfahren. Auch hat man sich im Stadtrat überlegt, ob „der Hopp“ nicht die Millionen für die Infrastruktur des Stadions, die die Stadt aufbringen muss, löhnen soll. „Aber Hopp ist kein Mann, den man angräbt“, wehrt ein Lokalpolitiker ab. Es ist auch nie geschehen.
Doch selbst ein Mächtiger wie Hopp wird von der größeren Macht des Schicksals gelenkt. Auch bei ihm gab sie sich in der Niederlage zu erkennen. Vor einigen Jahren war er drauf und dran, sein vielleicht grandiosestes Eigentor als Unternehmer zu schießen, als er sein „Rhein-Neckar-Stadion“ für Heidelberg konzipieren ließ. Nur ein paar dummen Politikern und einem störrischen Unternehmer haben es alle zu verdanken, dass das schmucke Ding nicht in der Uni-Stadt, sondern in Sinsheim gebaut wird. Heidelberg hätte geheißen: alles zu transplantieren, Vereinsheim, Trainings- und Jugendzentrum, die ganze Märchengeschichte. Der Verein hätte den Namen verloren und „Hopp-County“ die schöne Legende vom sensationellen Erfolg.
„Ich bin skeptisch, dass das in Heidelbersch geklappt hätte. Mir wäret net nach Heidelbersch gefahre, scho gar net für 'ne Verein mit em Nohme wie ,FC Heidelbersch-Sonstwass' odder so“, sinniert der Lokalpolitiker der Freien Wähler und Tabakpflanzer Karlheinz Hess, 50. Er ist ein von der Arbeit tief gebräunter Mann mit silbernem Ohrring, Oberlippenbart und Kinnbärtchen. „Heidelbersch hätte uns wehgetan. In Hoffenheim gelingt uns ja nicht mal die Identifikation mit Sinsheim, obwohl wir seit über 25 Jahren eingemeindet sind.“
Doch selbst im Straßenbild Hoffenheims ist die gefühlsmäßige Nähe zu den Kickern nur bei Heimspielen zu ahnen. „Erst wenn Fans von auswärts zu Hunderten das Dorf auf den Kopf stellen und die Polizei alles abriegelt, merken wir wieder, dass sich etwas geändert hat, an das wir uns längst gewöhnt haben“, sagt der Tabakpflanzer in einem badisch-pfälzischen Sprachcode, den gewiefte Linguisten entschlüsseln können, schlichte Fremde aber nicht.
Bei solchen Heimspielen hängt auch die Verwaltungsstelle ein paar Wimpel aus den Fenstern. „Außer Autoaufklebern werden sie nichts finden“, hatte der Oberbürgermeister richtig prophezeit.
Womöglich liegt das auch ein bisschen daran, dass kein Hoffenheimer Spieler mehr in der ersten Mannschaft spielt und die Jungstars aus aller Welt lieber in den anonymeren Städten Heidelberg, Heilbronn oder Mannheim wohnen. Wahrscheinlicher aber ist, dass die ergreifende Nüchternheit einfach der hiesigen Mentalität entspricht.
Kein Wunder, dass den Fremden die neue Hoffenheimer Welt erst auffällt, wenn sie den TSG-Trainingsplatz an der Sinsheimer Straße besuchen und über den Vereinsparkplatz gehen. Außer einem schwarzen Porsche 911 Carrera und einem beigefarbenen BMW M6 kündet eine Phalanx von zwei Dutzend schwarzer Audis von Extravaganz. Ein Audi-Händler hat schnell geschaltet und den Kickern von Brasilien bis Ghana die Karren vor die Tür gestellt.
Nur den auf dem Platz extrem wendigen Demba Ba hat er nicht ködern können. Der lange Senegalese faltet sich weiter in seinen Mini mit France-Kennzeichen. Aber schwarz ist er auch, der Mini.
Dass die Hoffenheimer Seele, die erst 1920 in der Dorfkneipe „Zur Sonne“ zum Fußball fand, nicht zur Heißblütigkeit neigt, wissen alle selber. Manchen verlangt's aber schon nach mehr Spaß an der Freud'. „Wenn die TSG früher mal in den Rückstand geriet, herrschte gleich Friedhofsstimmung im Stadion“, trauert TSG-Geschäftsführer Rotthaus. Als gebürtiger Essener hat er natürlich ganz andere, wie er sagen würde, große Gefühle im Pott erlebt: Enthusiasmus, Rambazamba pur. „Auch Bundesliga will eben gelernt sein.“
Aber für diese Lektion haben sie in Hoffenheim ja jetzt, wenn am Sonntag nichts dazwischenkommt, genug Zeit. Wenigstens ein Jahr lang.
