Der Kampf um den deutschen Sportwettenmarkt ist zum großen Tuscheln und Verleumden geworden. Private und staatliche Anbieter spielen zunehmend foul.
DÜSSELDORF/BRÜSSEL. Nur ein Ball verhüllt die Gemächte. Ansonsten sind sie nackt bis auf die Stutzen, die Laiber der Spieler des SV Niederkassel. Der B-Kreisligist aus der Bonner Gegend ließ sich für die „Bild“-Zeitung unbekleidet ablichten. Grund: Seinem Hauptsponsor, dem Sportwettenunternehmen Bwin, ist in seiner Heimat Sachsen das Geschäft untersagt worden – womit er in weiten Teilen Deutschlands nicht mehr werben darf. Auch nicht mehr in Niederkassel.
Der Nacktauftritt der Hobbykicker gehört zu den unterhaltsameren Sottisen der vergangenen Woche. Was sich sonst tat in Sachen Sportwetten dürfte allenfalls berufszynische Juristen ein böses Grinsen entlocken: Der erbitterte Kampf um die Frage, ob private Wettenanbieter in Deutschland agieren dürfen, hat sich verwandelt in einen schlammschlachtigen Kommunikationskrieg.
Nun ist der deutsche Wettmarkt eine komplizierte Sache. Rund zwei Milliarden Euro schwer soll er sein, genau weiß das niemand. Eigentlich darf nur der Staat Sportwetten anbieten. Dessen Lottogesellschaften ersetzten das alte Toto mit Oddset. Umsatz 2005: 432 Millionen Euro, Tendenz sinkend. Denn kurz vor der Wiedervereinigung erteilten die DDR-Behörden vier Bürgern eine Sportwettenlizenz. Im Einigungsvertrag wurden diese nicht erwähnt, womit sie gültig sind. Mit ausländischem Geld wurden daraus Unternehmen, die Oddset vor allem im Internet attackieren. Das Größte: Bwin, das bis vor kurzem Betandwin hieß – zum einen ein an der Wiener Börse notiertes, weltweit agierender Wettkonzern mit 1,13 Milliarden Umsatz, zum anderen eine deutsche Tochter, die den Österreichern zu 50 Prozent gehört. Und schließlich gibt es noch jene Wettvermittler, deren Büros deutsche Innenstädte pflastern, und die Wetten vermitteln in Länder mit geringer Wettsteuer, etwa Gibraltar und Malta. Kompliziert? Das ist erst der Anfang. Denn je nach Bundesland und Neigung der Gerichte wurden jüngst Wettbüros geschlossen, geduldet oder erlaubt. Nicht anders verhält es sich nun mit den DDR-Lizenzen: Während das Land Sachsen gegen Bwin mit Sitz in Neugersdorf nahe Zittau vorgeht, arbeitet Sportwetten Gera aus Thüringen ruhig weiter.
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Journalisten müssen sich keine Sorgen machen, dass sie den Überblick verlieren – dafür sorgen die Kontrahenten: Mal wird anonym eine Anzeige gegen Wettfirmen gefaxt, weil deren Kundenkonten angeblich als Bankgeschäfte gegen das Kreditwesengesetz verstoßen. Dann werden Informationen weitergeleitet, dass Bwin existenzgefährdende hohe Steuernachzahlungen bevorstünden.
Die Privaten kontern mit einer Flut von Neuigkeiten über Gerichtsurteile – so sie zu ihren Gunsten ausfallen. Per Telefon wird dann explizit auf das Geflecht von Lottogesellschaften und Politik hingewiesen: „Wissen Sie eigentlich, dass Herr Staupe im Aufsichtsrat von Sachsenlotto sitzt?“ stichelte der Pressesprecher eines Wettunternehmens vergangene Woche gegen den sächsischen Staatssekretär, in dessen Bereich die Bwin-Untersagung fällt.
Immerhin ist das die Wahrheit. Und mit der nimmt es die Gegenseite nicht immer so genau. Wer mit Norbert Teufelberger über dieses Thema spricht, kann sich auf lange Diskussionen einrichten – der Co-Chef der Wiener Bwin mag nicht mehr gelassen sein: „Mich ärgert, wie von Seiten der Politik eine PR-Kampagne mit wissentlicher Falschinformation betrieben wird.“
Klingt nach Polemik. Doch erscheint es zumindest befremdlich, wenn der sächsische Staatssekretär Staupe behauptet, in Italien sei es gelungen, ein Staatsmonopol durchzusetzen. Munter übernimmt das manches Medium. Nur: Ab 1. Januar 2007 wird der italienische Markt weitgehend liberalisiert.
Oder die Sache mit dem Schutz vor Spielsucht. Diesen könne nur die Kanalisierung der Wettleidenschaft auf einen staatlichen Monopolisten gewähren, behaupten die Oddset-Freunde. Beweisen soll das eine Studie der Universität Bremen. Was sie verschweigen: Das Werk wurde von Westlotto gefördert. Nun will Bwin mit einer Studie der Uni Harvard gegenhalten – die Bwin bezahlt.
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Ohnehin ist die Sache mit dem Spielsuchtschutz für manchen Verantwortlichen eine neue Überlegung: „Ich habe mich jetzt gerade nach dem Urteil, ich sage das offen, erst nach dem Urteil, so richtig mit der Frage beschäftigt“, gibt Gerhard Stratthaus zu, seit acht Jahren als Finanzminister Baden-Württembergs für den Bereich zuständig.
Noch gravierender: Im März gab das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber auf, bis Ende 2007 eine klare Rechtslage in Sachen Sportwetten zu schaffen. Bis dahin müsse Oddset über Spielsucht informieren und „unverzüglich“ jede Werbung unterlassen, die über die reine Information hinausgeht. Allein: Nach Zahlen der Marktforscher von Nielsen buchte Oddset im Juni, drei Monate nach dem Richterspruch, Werbung im Wert von 446 824 Euro – mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Bei Oddset heißt es, der Werbeetat werde dieses Jahr um 20 Prozent runtergefahren, und man beschränke sich auf rein informative Darstellung. Woher die Nielsen-Zahlen, die tatsächlich so ermittelt wurden, stammen? Von der Konkurrenz natürlich: Sie wurden vom privaten Wettunternehmen Bet 3000 in Redaktionen verschickt. Der Krieg um Worte und Wetten ruft wohl im Herbst die EU-Kommission auf den Plan, verlautet aus Kreisen der Generaldirektion Binnenmarkt. EU-Kommissar Charlie McCreevy hat bereits gegen Deutschland und andere Mitgliedstaaten ein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet. Die Behinderung der im Ausland legalen Wettfirmen verstoße gegen die Niederlassungsfreiheit im Binnenmarkt.
Und noch von anderer Seite droht Ungemach für die Bundesländer. Laut Teufelberger will nicht nur Bwin eine Schadensersatzklage über 500 Millionen Euro anstrengen. „Uns haben schon US-Anlegerschutzanwälte angerufen“, sagt er.
Sachsens Landesvater Georg Milbradt (CDU) soll sich von seinen Amtskollegen bereits die Zusicherung geholt haben, dass ein Schadensersatz gemeinsam getragen würde.
