1 Bewertung ****
23.07.2008 
Festspiele in Bayreuth

Abschied mit Wehmut und Ungewissheit

Mit den 97. Richard-Wagner-Festspielen in Bayreuth geht eine Ära zu Ende. Am Freitag hebt sich der Vorhang im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel zur letzten Premiere unter der Leitung von Wolfgang Wagner. Wer den Enkel des Musikdramatikers beerben wird, ist noch ungewiss.

Wer künftig das Sagen im Bayreuther Festspielhaus haben wird, ist noch ungewiss. Foto: dpaLupe

Wer künftig das Sagen im Bayreuther Festspielhaus haben wird, ist noch ungewiss. Foto: dpa

ap BAYREUTH. Am Freitagnachmittag öffnet sich der Vorhang im Festspielhaus auf dem Grünen Hügel in Bayreuth für eine Neuinszenierung von Richard Wagners Bühnenweihfestspiel "Parsifal", dem letzten Werk des Musikdramatikers. Für den fast 89-jährigen Wolfgang Wagner ist die Eröffnung der diesjährigen 97. Richard-Wagner-Festspiele die letzte unter seiner Leitung. Nach 57 Jahren gibt der vom Alter gebeugte weißhaarige Enkel des genialen Leipzigers sein einzigartiges Amt auf, wenngleich nicht leichten Herzens.

Denn es herrscht Ungewissheit über die Zukunft, nachdem es dem langjährigen Herrscher über die Wagner-Gralsburg in Oberfranken nicht gelungen war, seine erst 30-jährige Tochter Katharina aus der zweiten Ehe als alleinige Nachfolgerin in der Festspielleitung durchzusetzen. Die Entscheidung, wie es weiter geht in Bayreuth, wird erst nach der am 28. August zu Ende gehenden diesjährigen Aufführungsserie fallen.

Dem norwegischen "Parsifal"-Regisseur Stefan Herheim und dem italienischen Dirigenten Daniele Gatti wird also schon ein besonders spektakulärer Wurf gelingen müssen, wenn die Kunst in diesem ganz besonderen Jahr Vorrang vor der Nachfolgediskussion bekommen soll.

Die Aussichten dafür sind noch nicht einmal so schlecht: Der ausgebildete Musiker Herheim hat trotz seiner jungen Jahre einen ausgezeichneten Ruf als Opernregisseur und bereits in Riga eine von Kritik und Publikum gefeierte Inszenierung der ersten "Ring"-Oper "Das Rheingold" abgeliefert. Wie der 46-jährige Dirigent Gatti ist auch der 38-jährige Norweger mit einer aus Würzburg stammenden deutschen Mutter Debütant in Bayreuth.

Beiden Künstlern sollte ein überzeugender Gegenentwurf zu der umstrittenen, vorzeitig abgesetzten "Parsifal"-Version von Christoph Schlingensief gelingen, die in den letzten Jahren auf der Riesenbühne des Festspielhauses zu erleben war. Die Titelpartie singt der junge britische Tenor Christopher Ventris, der als Wagner-Interpret schon große internationale Erfolge feiern konnte und nun auch die Bayreuther Bühne erobern will.

Von den Mitte Juni begonnenen Proben ist schon einiges über die Inszenierung bekannt geworden: Es wird eine Art Zeitreise vom Wilhelminismus über die Weimarer Republik, Nazizeit bis hin zum bundesrepublikanischen Wirtschaftswunder zu sehen sein. Festspielsprecher Peter Emmerich berichtet von einer "hervorragenden Stimmung" bei den Probearbeiten. Endlich wieder eine Inszenierung der Sonderklasse würde Bayreuth sehr gut tun, da sind sich alle Beobachter einig.

Abermals auf dem Programm der diesjährigen Festspiele stehen die düster-depressive "Tristan-und-Isolde"-Version von Regisseur Christoph Marthaler, dirigiert von Peter Schneider, und die letztjährige Neuinszenierung "Die Meistersinger von Nürnberg" von Katharina Wagner. Die musikalische Leitung wird wiederum bei Sebastian Weigle liegen.

Die erste "Meistersinger"-Aufführung am 27. Juli wird übrigens erstmals live online im Internet übertragen sowie auch auf einer Großbildwand in Bayreuth zu sehen sein. Die wichtigste sängerische Umbesetzung ist die Schwedin Iréne Theorin als neue Isolde. Sie folgt ihrer in Bayreuth umjubelten Landsfrau Nina Stemme und muss sich an deren überragender Leistung messen lassen - keine leichte Aufgabe.

Um breitere Anerkennung ringt auch noch im dritten Aufführungsjahr Tankred Dorsts Interpretation von Wagners vierteiligem Musikdrama "Der Ring des Nibelungen". Denn dieser "Ring" will trotz etlicher unbestreitbarer Qualitäten szenisch nicht richtig runden. Musikalisch ist die monumentalste Schöpfung Richard Wagners unter dem Dirigat von Bayreuth-Liebling Christian Thielemann allerdings ein überwältigendes Ereignis. Als neue Brünnhilde wird sich die Amerikanerin Adrienne Dugger präsentieren, die die ebenfalls aus den USA kommende Linda Watson ablöst.

Kritisch dürften viele die Leistung des Tenors Endrik Wottrich als Siegmund in "Die Walküre" verfolgen. Denn der mit Katharina Wagner eng verbundene Sänger hat nicht mehr viel Kredit beim Bayreuther Publikum. Mehr noch bewegt allerdings die Frage, ob sich Wolfgang Wagner nach 57 Jahren an der Spitze der einzigartigen Institution selbst vom Publikum und "seinem' Haus verabschieden wird.

So viel dürfte feststehen: Wenn der alte, an Verdiensten so überreiche Mann noch einmal vor den riesigen Bühnenvorhang treten sollte, werden die Ovationen nicht enden und Tränen fließen. Denn einen wie ihn, das erscheint ungeachtet seines von vielen als zu spät empfundenen Abgangs gewiss, wird es nicht mehr geben.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Wie die Deutschen Flagge zeigen

    Wie die Deutschen Flagge zeigen

    Die CDU möchte die deutsche Sprache im Grundgesetz verankern. Der Parteitagsbeschluss fachte bundesweit eine neue Patriotismus-Debatte an. Worüber debattiert wird, kann auch im Haus der Geschichte in Bonn besichtigt werden – in der Ausstellung „Flagge zeigen? Die Deut...Bildergalerie 

  • Die beliebtesten Wohnorte der Topverd...

    Die beliebtesten Wohnorte der Topverdiener

    Welche Gebiete locken die meisten Wohlhabenden an? Wo wohnen die Besserverdienenden in Deutschland am liebsten und welche Teile Deutschlands werden eher gemieden? Das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK hat untersucht, welches die begehrtesten Städte der Wohlhabe...Bildergalerie 

  • Der Palast der Republik ist Geschicht...

    Der Palast der Republik ist Geschichte

    Nach jahrelangen Verzögerungen und auch Hindernissen in den vergangenen Tagen fiel am Dienstag das letzte Treppenhaus dem Abrissbagger mit seinem 40 Meter langen Greifarm zum Opfer. Karl Marx und Friedrich Engels sahen weg, als hinter ihrem Rücken nach jahrelanger Verz...Bildergalerie 

vor