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24.08.2008 
Golfen auf dem Bourbontrail

Abschlag mit Fahne

von Helmut Werb

Die Golf-Welt fragt sich, warum der Ryder Cup ausgerechnet in Louisville stattfindet. Selbst eingefleischte Amerikaner assoziieren mit der Stadt am Ohio River bestenfalls das Kentucky Derby, das wohl berühmteste Pferderennen der Welt. Besuchen Sie also lieber die Brennereien im Umkreis.

Kentucky ist die wahre Heimat des Bourbons. Hier entsteht der legendäre Jim Beam. Foto: APLupe

Kentucky ist die wahre Heimat des Bourbons. Hier entsteht der legendäre Jim Beam. Foto: AP

Tara Guenthner sei nicht nur Turnier-Direktorin des diesjährigen Ryder Cups der PGA (der amerikanischen Golf-Profiliga). Sie sei vor allem auch "easy on the eyes", meint Karl Schmitt augenzwinkernd, einer der Organisatoren der "Cup Experience". Das ist die wochenlange Party in Louisville, bevor der eigentliche Cup losgeht. Seine Bemerkung über Taras blendendes Aussehen ist natürlich nicht ganz politisch korrekt. Aber dafür, weiß er, sei sie genau die richtige Person. Nämlich die, die eine Antwort darauf parat hat, warum der diesjährige Ryder Cup, jenes prestigeträchtige Golfturnier, ausgerechnet in Louisville ausgetragen wird. Denn immerhin verleiht der Cup dem ruhigen Golf den Charakter eines emotionsgeladenen Länderspiels. Und Louisville ist eher ein unglamouröser Ort in einem unauffälligen Staat der USA.

"Die PGA of America hat vor einigen Jahren den Valhalla Golf Club übernommen", lächelt Tara Guenthner einige Stunden später beflissentlich, als sie den Platz zeigt. Hier werden sich im September die Amis und die Euros um die Ehre streiten, wer denn nun die besseren Golfer sind. Allein der Name verspricht viel - Valhalla, die große Halle des Odin im nordischen Olymp: Dort durften die tapfersten Krieger, die im Kampf gefallen waren, jeden Tag ihre Kriege wiederholen und danach feiern und sich sinnlos betrinken. Welch herrlicher Hintergrund für den Kampf der Kontintente!

Trotzdem: Selbst eingefleischte Amerikaner assoziieren Louisville bestenfalls mit dem Kentucky Derby, dem wohl berühmtesten Pferderennen der Welt. Jährlich pilgern am ersten Samstag im Mai über 100 000 Zuschauer hierher. Von den alkoholisierten Innenraumbesuchern, die spätestens zwei Stunden vor dem Start ins Bourbon-Koma sinken, bis hin zu den teuerstbehüteten Ladys und den dazugehörenden Gentlemen mit Mint Juleps in der Hand. Sie sitzen auf der Haupttribüne unter den fabulösen "Twin Spires", den doppelten Kirchtürmchen - ein Ereignis, dessen Eintrittskarten von Generation zu Generation vererbt werden. Tribünenplätze seien (für Normalsterbliche jedenfalls) in den nächsten Jahrzehnten wohl nicht zu erstehen, wie Wendy Treinen versichert, die Sprecherin des sehenswerten Derby Museums.

Louisville ist eine überraschende Stadt, nicht nur wegen der vielen deutschstämmigen Namen. "Possibility City", die Stadt der Möglichkeiten, ist das Motto der Metropole am Ohio River. Die Bewohner sind nicht ohne Grund stolz, hier zu leben. Muhammad Ali kommt aus Louisville, und so ist ihm hier ein prächtiges Museum direkt am Flussufer gewidmet. Ein wohl einmaliges Denkmal für eine der größten Persönlichkeiten, die das Land je hervorgebracht hat. Und Louisville bietet überraschend viel Kultur. Das Actors Theatre gehört zu den besten der USA.

Das modernistische Kentucky Center in der City steht auf der Liste architektonischer Denkmäler der USA. Das "21C Hotel", eine wohl einmalige Mixtur aus Museum für moderne Kunst und Design-Hotel, zählt zu den besseren Herbergen des Landes. Ein Museum jagt das andere, und das jährliche "Kentucky Art Car Weekend" (im Juli) ist mehr eine feucht-fröhliche Pop-Art-Party denn ein Treffen für Oktanbesessene. Außerdem: Das jährliche "IdeaFestival" ist ein Treffen kreativer Denker und unkonventioneller Problemlöser aus aller Welt.

Die schrägsten Diners, wie Lynn's Paradise Café oder der Old Time Liquor Store, der seine exzellente Bourbon-Auswahl gern am Drive-Through-Window verkauft, liegen etwas außerhalb der Stadtmitte. Im Deerpark-Distrikt sind die hübschesten Geschäfte und die besten Restaurants wie Lilly's oder das Bourbon Bistro, dessen 139 Bourbons schon mal zum ausgezeichneten Steak-Dinner serviert werden. Die Bars der Stadt reichen von elegant-südstaatlich (wie die wunderschönen des Brown Hotels und des Seelbachs, in der schon Al Capone seinen Bourbon nahm) über gemütlich-kühl (wie die Maker's Mark Lounge) bis hin zur modernistischen Tränke des Proof on Main.

Womit wir beim Thema wären. "Kentucky ist die wahre Heimat des Bourbons", erzählt Fred Noe, lebensfroher und freundlicher Nachfahre des legendären Jim Beam in der siebten Generation. In der Hand hält er ein Glas Booker's, den bevorzugten Schnaps seines Vaters. Und dann erzählt er weiter: Die illustre Geschichte des uramerikanischen Drinks beginnt bei den "moonshiners", den Schwarzbrennern, die seit Hunderten von Jahren das Korn in abenteuerlichen Destillen brannten (und am liebsten gleich selber soffen).

Dann kamen die Jahre der Prohibition, deren Aufhebung im November am "Repeal Day" auf den Straßen gefeiert und erlitten wird (ganz inoffiziell, versteht sich). Und schließlich reicht sie bis zu den Abermillionen Flaschen Bourbon, die heute aus Kentucky in alle Bars der Welt gehen. Leider leidet das goldbraune Destillat darunter, mit Unmengen von Eiswürfeln und zähnezersetzendem Zuckerwasser serviert zu werden.

Bourbon, guten Bourbon, müsse man schlürfen, im Mund zergehen lassen, legt Fred mit glänzenden Augen jedem ans Herz, der die amerikanische Seele verstehen will. Was die Disneyland-artigen "wine tastings" für Amerikas Weinwunderland Napa Valley sind, sind die "Bourbon Tours" für Kentucky. Zwischen Louisville und Bardstown, zwischen Clermont und Loretto sind heute ein gutes halbes Dutzend größerer Destillerien übrig geblieben und mehrere Dutzend kleinere.

Eine wahrhaft anstrengende Reise, aber eine durchaus lohnende! Die Heaven-Hill-Brennerei in Bardstown, Maker's Mark in Loretto, Four Roses und Wild Turkey in Lawrenceburg, Buffalo Trace im Franklin County und Jim Beam in Clermont institutionalisieren den "Bourbon Trail". Der setzt der Leber zwar heftig zu , ist aber auch irgendwie ziemlich genüsslich. Und führt so nebenbei durch die Wälder und Flusstäler von Kentucky. Warum aber Louisvilles Stadtväter den Ryder Cup und das jährliche Bourbon Festival, ein herrlich dekadentes und gänzlich öffentliches Besäufnis, aufs gleiche Wochenende gelegt haben, bleibt ein Rätsel. "Wie man am Kentucky Derby sehen kann", freut sich Karl Schmitt, "können wir mit großem Andrang gut umgehen."

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