Wie schütze ich mich vor dem nächsten Crash? Nach vier Jahren Börsenaufschwung ergötzen sich Autoren an Weltuntergangsliteratur. Die düsteren Titel wie „Der nächste Crash kommt bestimmt“, „Besiege den Crash“ und „Das kommende finanzielle Inferno“ fallen dabei auf fruchtbaren Boden.
In Berlin stehen Kunden 1931 vor der Danatbank. Die damalige Bankenkrise hat ihre Wurzeln im Börsencrash von 1929. Foto: ap
DÜSSELDORF. Pünktlich zum 20. Jahrestag des größten Tagesverlusts an den Börsen übertrumpfen sich Autoren der Finanzmarktszene mit entsprechenden Ratschlägen. Dabei überzeugen weniger die düsteren Analysen der Weltwirtschaft und Prognosen für die Aktienmärkte. Dafür scheinen die Argumentationsketten doch ein Stück weit zu einseitig gestrickt. Wer aber von Natur aus eher optimistisch sein Leben genießt, wird nach nunmehr fünf aufeinanderfolgenden guten Börsenjahren künftig vorsichtiger investieren.
Neue, düstere Titel wie „Der nächste Crash kommt bestimmt“, „Besiege den Crash“ und „Das kommende finanzielle Inferno“ basieren allerdings nicht nur auf Vergleichen mit historischen Crashs wie 1987 oder 1907. Vor 20 Jahren ließen automatische Verkaufsprogramme den amerikanischen Dow-Jones-Index um mehr als 20 Prozent einbrechen. Vor 100 Jahren stand die noch junge Wall Street angesichts rasanter Kurseinbrüche, massiver Liquiditätsengpässe und einer Vertrauenskrise unter den großen Banken vor ihrer bis heute größten Belastungsprobe.
Noch mehr Einfluss als diese spektakulären Einbrüche hat die jüngste Baisse nach der Jahrtausendwende auf die heutige Börsenliteratur. In drei verlustreichen Jahren von Anfang 2000 bis März 2003 brachen die europäischen Börsen so stark ein wie zuletzt vorrund 70 Jahren. Die anschließende Erholung führte viele Aktienkurse bis heute zwar wieder auf ihre alten Hochs zurück. Doch anders als in den euphorischen 90er-Jahren begleitet diesmal sehr viel Skepsis die Hausse. In der boomenden Crash-Literatur hat sich eine dunkle Front gegen den optimistischen Zeitgeist zusammengebraut. Die Zutaten sind seit Jahren steigende Aktienkurse gepaart mit schmerzlichen Erinnerungen an die geplatzte Internetblase samt Bilanzfälschungen, Konjunktur-, Terror- und Kriegsängsten.
Der Hang zu Weltuntergangsszenarien fällt auf fruchtbaren Boden, wie zahlreiche Blogs und Chat-Rooms im Internet belegen. Anleger diskutieren kaum darüber, ob der Abschwung kommt, sondern vielmehr, wie tief die Aktienkurse in der Baisse fallen werden, die scheinbar so sicher wie das Amen in der Kirche kommt. Paradebeispiel ist der „Konstanzer Kreis“, in dessen Vorträgen, Stammtischen, Seminaren, Lehrvideos und Internetforen sich alles um Finanzmarktkrisen, Wirtschaftszusammenbrüche und Crashs dreht.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Börseninteressierte Leser können Mehrwert aus den pessimistischen Analysen ziehen.
Einig sind sich die Autoren darin, die größte Volkswirtschaft USA als Ursache für ihren Grundpessimismus auszumachen. Demnach lösen die Überschuldung der öffentlichen Hand und des Verbrauchers sowie die expansive Zinspolitik der Notenbank eine Kettenreaktion aus, die erst den Dollar, dann die Finanzmärkte und schließlich die gesamte Weltwirtschaft kollabieren lässt.
Dementsprechend sieht Robert Prechter die amerikanische Wirtschaft wie ein Kreditkartenhaus einstürzen. Der Psychologe und Analyst bezeichnet den jahrzehntelangen Bullenmarkt an den Börsen als „einzige große Lüge“. Michael Panzner, der bei Großbanken wie HSBC, ABN Amro und JP Morgan arbeitete, prophezeit Anlegern wegen allzu vieler Ungleichgewichte ein finanzielles Inferno.
Solch düstere Szenarien mögen angesichts boomender Schwellenmärkte, prosperierender Unternehmensgewinne, meist solider Bilanzen und zumindest nicht weiter ausufernder Staatsschulden wirklichkeitsfremd erscheinen. Dennoch setzen sich die Autoren mit ihrer Grundaussage über fallende Aktienkurse kaum einem Glaubwürdigkeitsrisiko aus. Schließlich folgt jedem Börsenboom, wie wir ihn derzeit wieder erleben, und das schon seit viereinhalb Jahren, irgendwann ein Abschwung. Zumindest mit dieser Prognose werden die Autoren also recht behalten.
Vorbild für solch simple Erkenntnisse des Auf und Abs der Wirtschaft und Finanzmärkte sind namhafte Börsenpropheten wie Robert Shiller, Marc Faber und Roland Leuschel. Ihr guter Ruf gründet darauf, dass sie Crashs wie 1987 oder den Absturz nach der Jahrtausendwende frühzeitig und vor allem in ihrer Dramatik vorherzusagen vermochten. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von der Masse der üblicherweise viel zu optimistischen Bankanalysten. Dass die Propheten auf der anderen Seite fast zu jeder Zeit und damit auch in den langen Haussephasen ihre Abschwung-Szenarien verbreiten, minimiert das Risiko danebenzuliegen. Auf solch einer Welle schwimmen die Autoren der boomenden Crash-Literatur.
Bei aller Kritik ziehen börseninteressierte Leser dennoch Mehrwert aus den pessimistischen Analysen. Beispielsweise wenn sie sich an dem Nobelpreisträger Vernon Smith orientieren und dessen Verhaltenstheorien zur „Echo-Blase“ beherzigen: Jeder Blase folgt eine ausgeprägte Kurserholung, die Echo- oder auch Spiegel-Blase. Erst wenn diese platzt, verändert sich die Marktpsychologie auch nachhaltig, und Anleger sind gegen ein Übermaß neuerlicher Spekulation zumindest für ein paar Jahrzehnte immun.
Am Ende tragen die Crash-Propheten selbst ein gutes Stück dazu bei, wenn die von ihnen beschriebenen Szenarien in den nächsten Jahren ausbleiben sollten: Denn je mehr und häufiger sich Anleger von Schieflagen und menschlichen Schwächen wie Übertreibung, Herdentrieb und Gier sensibilisieren lassen, desto vorsichtiger agieren sie künftig an den Finanzmärkten. Die Zurückhaltung vieler deutscher Anleger in den vergangenen Boomjahren belegt schon jetzt den vielleicht ungewollten Erfolg.
- Robert F. Burner, Sean D. Carr: The Panic of 1907; Wiley-VCH, Weinheim 2007, 272 Seiten, 32,90 Euro
- Michael J. Panzner: Das kommende finanzielle Inferno; Finanzbuch, München 2007, 274 Seiten, 24,90 Euro
- Robert R. Prechter: Besiege den Crash! Börsenmedien, Kulmbach 2007 (3), 279 Seiten, 29,90 Euro
- Walter Wittmann: Der nächste Crash kommt bestimmt; Orell Füssli, Zürich 2007, 174 Seiten, 24 Euro


