Einig sind sich die Autoren darin, die größte Volkswirtschaft USA als Ursache für ihren Grundpessimismus auszumachen. Demnach lösen die Überschuldung der öffentlichen Hand und des Verbrauchers sowie die expansive Zinspolitik der Notenbank eine Kettenreaktion aus, die erst den Dollar, dann die Finanzmärkte und schließlich die gesamte Weltwirtschaft kollabieren lässt.
Dementsprechend sieht Robert Prechter die amerikanische Wirtschaft wie ein Kreditkartenhaus einstürzen. Der Psychologe und Analyst bezeichnet den jahrzehntelangen Bullenmarkt an den Börsen als „einzige große Lüge“. Michael Panzner, der bei Großbanken wie HSBC, ABN Amro und JP Morgan arbeitete, prophezeit Anlegern wegen allzu vieler Ungleichgewichte ein finanzielles Inferno.
Solch düstere Szenarien mögen angesichts boomender Schwellenmärkte, prosperierender Unternehmensgewinne, meist solider Bilanzen und zumindest nicht weiter ausufernder Staatsschulden wirklichkeitsfremd erscheinen. Dennoch setzen sich die Autoren mit ihrer Grundaussage über fallende Aktienkurse kaum einem Glaubwürdigkeitsrisiko aus. Schließlich folgt jedem Börsenboom, wie wir ihn derzeit wieder erleben, und das schon seit viereinhalb Jahren, irgendwann ein Abschwung. Zumindest mit dieser Prognose werden die Autoren also recht behalten.
Vorbild für solch simple Erkenntnisse des Auf und Abs der Wirtschaft und Finanzmärkte sind namhafte Börsenpropheten wie Robert Shiller, Marc Faber und Roland Leuschel. Ihr guter Ruf gründet darauf, dass sie Crashs wie 1987 oder den Absturz nach der Jahrtausendwende frühzeitig und vor allem in ihrer Dramatik vorherzusagen vermochten. Damit unterscheiden sie sich grundlegend von der Masse der üblicherweise viel zu optimistischen Bankanalysten. Dass die Propheten auf der anderen Seite fast zu jeder Zeit und damit auch in den langen Haussephasen ihre Abschwung-Szenarien verbreiten, minimiert das Risiko danebenzuliegen. Auf solch einer Welle schwimmen die Autoren der boomenden Crash-Literatur.
Bei aller Kritik ziehen börseninteressierte Leser dennoch Mehrwert aus den pessimistischen Analysen. Beispielsweise wenn sie sich an dem Nobelpreisträger Vernon Smith orientieren und dessen Verhaltenstheorien zur „Echo-Blase“ beherzigen: Jeder Blase folgt eine ausgeprägte Kurserholung, die Echo- oder auch Spiegel-Blase. Erst wenn diese platzt, verändert sich die Marktpsychologie auch nachhaltig, und Anleger sind gegen ein Übermaß neuerlicher Spekulation zumindest für ein paar Jahrzehnte immun.
Am Ende tragen die Crash-Propheten selbst ein gutes Stück dazu bei, wenn die von ihnen beschriebenen Szenarien in den nächsten Jahren ausbleiben sollten: Denn je mehr und häufiger sich Anleger von Schieflagen und menschlichen Schwächen wie Übertreibung, Herdentrieb und Gier sensibilisieren lassen, desto vorsichtiger agieren sie künftig an den Finanzmärkten. Die Zurückhaltung vieler deutscher Anleger in den vergangenen Boomjahren belegt schon jetzt den vielleicht ungewollten Erfolg.
- Robert F. Burner, Sean D. Carr: The Panic of 1907; Wiley-VCH, Weinheim 2007, 272 Seiten, 32,90 Euro
- Michael J. Panzner: Das kommende finanzielle Inferno; Finanzbuch, München 2007, 274 Seiten, 24,90 Euro
- Robert R. Prechter: Besiege den Crash! Börsenmedien, Kulmbach 2007 (3), 279 Seiten, 29,90 Euro
- Walter Wittmann: Der nächste Crash kommt bestimmt; Orell Füssli, Zürich 2007, 174 Seiten, 24 Euro

