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24.03.2005 
Insgesamt 50 Werke von 36 zeitgenössischen Künstlern werden gezeigt

An Edvard Munch kommen die Zeitgenossen nicht vorbei

von Christiane Fricke, Handelsblatt

In Dortmund erzählen die Werke der Jungen von ihrer Inspiration durch den norwegischen Maler Edvard Munch. Die Ausstellung läuft bis zum 1. Mai im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund.

Links das Bild von Munch, rechts eine Videoprojektion "Das junge Model" von A K Dolven.

Links das Bild von Munch, rechts eine Videoprojektion "Das junge Model" von A K Dolven.

DORTMUND. „Ich bin Munch“, formulierte Andre Butzer 1999 unverblümt im Titel seiner ersten Einzelausstellung. Da hatte der gebürtige Stuttgarter die Mitte 20 gerade hinter sich gelassen. Er wusste, sein Bekenntnis passt zu seinem ganz und gar nicht wohldosierten Umgang mit Pinsel und Farbe und zu der Haltung, aus der heraus dies geschah. Radikal subjektiv wie bei Munch. Vielleicht despektierlicher als sein großes Vorbild. Und weniger angstvoll. Zumindest ist das der Eindruck, den sein 2004 gemaltes Ölbild „Ohne Titel (Rotes Haus mit Tannen)“ vermittelt.

Butzers rotes Haus ist ein kompakter Bau, der jedoch im flüssig aufgetragenen Blau zu schwimmen scheint und nur durch die beiden starken Tannen am linken und rechten Bildrand einen Halt findet. Es ist eines der ersten und beeindruckendsten Exponate, die dem Besucher beim Gang durch die vom Museum am Ostwall in Dortmund organisierte Ausstellung „Munch revisited“ begegnen. Ziemlich gewaltig in seinen Maßen von 2 mal 3 Metern, verglichen mit Munchs kleiner, um 1900 entstandener Holztafel „Roter Wilder Wein“, auf die es sich bezieht.

Insgesamt 50 Werke von 36 zeitgenössischen Künstlern nehmen es in der Ausstellungshalle des Museums für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund, mit 56 Gemälden und Papierarbeiten von Munch auf. Nicht alle haben so viel Energie wie das Butzer-Bild. Manches wertet die Gegenüberstellung auch auf, das allein mit geringeren Kräften ausgestattet ist. Im Vergleich und in der Gesamtschau aber verhilft der Dialog zu außerordentlich fruchtbaren Erkenntnissen über das gegenwärtige künstlerische Tun und seinen kunstgeschichtlichen Hintergrund.

Plötzlich wird klar, dass auch die skandalträchtige, sich selbst entblößende Arbeit einer Tracey Emin, schillernde Vertreterin der „Young British Artists“ und in Dortmund mit dem einminütigen, von einem markerschütternden Schrei begleiteten Film „Hommage to Edvard Munch and all My Dead Children“ vertreten, nicht im geschichtslosen Raum geschaffen wurde. Sie liebe Munch auf Grund seiner politischen und emotionalen Haltung, bekennt sie, vermutet allerdings voller Bedauern, dass er wahrscheinlich nicht sehr gut im Bett war.

Immer hat man Mitleid mit diesem Mann, dessen Beziehungen zu Frauen sich stets schwierig gestalteten. Weil er Sehnsucht zum Ausdruck brachte, Verwirrung und Verlustängste. Keiner hat für die Hingabe einer Frau, für einen Kuss, den Liebeskummer und das Verlassen-Sein so gültige Bildformulierungen gefunden. Keiner war so mutig und in seinen malerischen Mitteln so kompromisslos. Das macht Munch so zeitlos.

Die Spannungen zwischen Mann und Frau, von Munch durchlebt und durchlitten, sind denn auch ein Anknüpfungspunkt für viele zeitgenössische Künstler und ein zentraler Themenblock innerhalb der Ausstellung. Hier tritt etwa Munchs distanziertes Paar-Porträt „Käte und Hugo Perls“ (1913) gegen Eric Fischls „Bathroom. Scene #2“ an.

Ein weiteres Themenfeld sind Melancholie und Einsamkeit, brillant besetzt u.a. mit einer DVD-Projektion von Sam Taylor-Wood, einer kleinen Blattgold-Collage von Elisabeth Peyton und Maria Lassnigs Werkgruppe „Selbstporträt im grünen Zimmer“.

Eine dritte Sektion mit Munch-Leihgaben aus der Sammlung Carmen und Thyssen-Bornemisza, der Nationalgalerie Oslo und dem Kunsthaus Zürich fokussiert schließlich das Themenfeld Mensch und Raum. Arbeiten von Peter Doig, Robert Gober und eine Videoprojektion der Finnin Eija-Liisa Ahtila sind hier zu finden. Auch die Mittdreißigerin, in Düsseldorf lebende Brasilianerin Rosilene Ludovico, die auf der letzten Art Cologne die Sammler begeisterte, ist mit zwei ihrer schneeweißen, rätselhaften Märchenszenerien vertreten.

Munchs „Sternennacht“ aus dem Essener Museum Folkwang bildet hier einen zentralen Bezugspunkt. Nicht weit davon entfernt hängt Martin Kippenbergers „Go to the No“ von 1983. Im Zentrum eines gemalten Rahmens aus gestischen Farbakzenten rennt eine Gestalt durch eine Baumschneise auf eine grellweiße Lichtvision zu. Ein skrupulöser Kommentar auf die Macht künstlerischer Leitbilder, vorgetragen mit einer Skepsis, wie man sie unter den jüngeren Künstlern nicht wiederfindet.

„Munch revisited. Edvard Munch und die heutige Kunst“.

Bis 1. Mai im Museum für Kunst und Kulturgeschichte, Dortmund Katalog, Kerber Verlag, 24,80 Euro »www.munch-revisited.de

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