„Globalisierungsbesoffene Unternehmen“ nennt Wolfgang Schneider Firmen, die auf dem deutschen Markt Kunden mit englischen Reklamesprüchen umwerben. Mit seinem neuen Buch zieht das Urgestein der deutschen Sprachkritik dieses Mal in den Kampf gegen Blackout, Highlight und Airbag, derweil sein Mitstreiter Bastian Sick grotesk falsche Wortbildungen aufs Korn nimmt.
BERLIN. „Hat Deutsch eine Zukunft?" fragt Jutta Limbach in einer Neuerscheinung des C. H. Becks Verlags, die im Mai herauskommt. Wenn die noch bis Ende Februar amtierende Präsidentin des Goethe-Instituts solch hasenfüßige Frage stellt, muss es um die Sprachverrohung und Integrationskraft der deutschen Sprache doch viel schlechter bestellt sein, als gemeinhin angenommen wird.
Nimmt man allerdings die Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt als Gradmesser, lautet der Gegenbefund: So viel Sprachpflege war nie. Zu den sprachkritischen Aufsätzen der Sprachwissenschaftler gesellen sich Internetgemeinden und Sprachvereine. Gewettert wird gegen Pidgin-Deutsch, Grammatikfehler und Anglizismen, wobei häufig das Wirtschaftskauderwelsch aus eingedeutschten englischen Verben und englischen Fachbegriffen in die Mangel genommen wird.
Rührig sind Journalisten wie Bastian Sick, Axel Hacke und Wolf Schneider; jener schon ein Urgestein der deutschen Sprachkritik, der Generationen von Volontären ihre sprachlichen Fehlleistungen um die Ohren haute. Mit immer wieder verwertbaren Beispielen kurioser Sprachverdreher, die den Lesern in mehrfacher Ausführung als Kolumne und Buch sowie auf Lesereisen präsentiert werden, lässt sich zudem gutes Geld verdienen.
Zu Selbstläufern werden mittlerweile alle Bücher von Spiegel-Redakteur Bastian Sick, der sich mit seinen Sprachkolumnen eine lebendige Fangemeinde aufgebaut hat. Die Texte aus dem „Zwiebelfisch“ mündeten in die Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ und später in die größte Deutschstunde der Welt auf der LitCologne. Seine Bücher haben in der Auflage die Vier-Millionen-Grenze überschritten. In seinem neuen Bestseller „Happy Aua“ veröffentlicht er lustige Fotoeinsendungen seiner Leser.
Bis Ende April ist der Autor wieder auf Tour. Er sieht sich weder als Missionar noch als Sprachretter, sondern will vor allem unterhalten. In Tabellen und Listen sammelt der Sprachverwerter Sick die Sprüche der Imbissbudenbesitzer und Nagelstudio-Inhaberinnen; er dokumentiert und kommentiert grotesk falsche Wortbildungen, tut das jedoch augenzwinkernd und ohne Hohn. Jahr für Jahr wächst die Publikationsliste des prominenten Sprachretters: Im Februar erscheint ein neues Postkarten-Büchlein, das zum Verschicken verdrehter Sprichwörter einlädt.
Sick ist wie der Journalist Wolf Schneider zu einer Instanz geworden. Der kämpft in seinem gerade erschienenen Buch „Speak German. Warum Deutsch manchmal besser ist“ wortgewaltig gegen irrsinnige Anglizismen. Manager können aus Schneiders Buch lernen, dass englische Ausdrücke geschäftsschädigend sein können. Nicht umsonst sind viele Werbesprüche wie „Powered by Emotion“ von Sat 1 wieder vom Markt verschwunden.
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„Globalisierungsbesoffene Unternehmen“ nennt Schneider die Firmen, die auf einem deutschen Markt Kunden mit englischen Reklamesprüchen umwerben. Es deute auf ein geringes Selbstbewusstsein hin, dass deutsche Manager anders als ihre französischen oder italienischen Kollegen generell das Englische dem Deutschen vorzögen. Schwer wiege der Gebrauch des Englischen auch in der deutschen Wissenschaftssprache, die in vielen Fächern nicht mehr weiterentwickelt werde. Dabei ist Wolf Schneider nicht generell gegen Anglizismen in der deutschen Sprache, die immer schon viele Wörter aus Fremdsprachen übernommen oder modifiziert hat. Was einverleibt werde, müsse jedoch treffender oder eleganter sein.
Viele Wortbeispiele sind alte Bekannte, die Schneider auch schon in früheren Publikationen verfluchte. Administration und Personal Computer gehören dazu, ebenso wie der City-Call der Telekom. Bei manchen Anglizismen kapituliert selbst Schneider: „Das Mountain-Bike lässt sich nicht mehr retten“. Doch für Blackout und Airbag könne man durchaus genaue Alternative finden, nämlich Aussetzer und Prallkissen. Ob das funktioniert? Wolf Schneiders Aktion „Lebendiges Deutsch“ bemüht sich seit zwei Jahren, deutsche Entsprechungen für englische Ausdrücke zu finden. Früher habe das auch geklappt, als die Deutschen Airlift in Luftbrücke oder Brainwashing in Gehirnwäsche übertrugen.
Manches klingt bemüht und kaum mehr durchsetzbar. Andere Vorschläge könnten gut übernommen werden. Gerade machte „Lebendiges Deutsch“ den Vorschlag, statt „Global Player“ einfach „Weltkonzern“ zu sagen. Und statt „Highlight“ das deutsche Wort „Glanzlicht“. Warum eigentlich nicht? Hinter Schneiders Buch steht der Wunsch, der Verzicht auf die Anglizismen könne mehr und mehr zur Bewegung werden.
Dass viele Menschen sich für Sprache und Kommunikation interessieren, dokumentieren auch die Sprachführer aus dem Langenscheidt Verlag. Mit Titeln wie „Politiker–Deutsch; Deutsch–Politiker“, die unter Mithilfe von prominenten Autoren wie Maybrit Illner verfasst werden, ist der Verlag in eine Marktnische vorgestoßen. Der erste Band war das Buch des Kabarettisten Mario Barth „Frau–Deutsch; Deutsch–Frau“, der 1,3 Millionen Mal verkauft wurde. Die Reihe greift alltägliche Kommunikationsprobleme auf und spielt unter dem Verdikt des „Du kannst mich nicht verstehen“ mit Klischees wie etwa dem unvereinbaren Sprachverhalten von Mann und Frau.
Mit 200 000 Exemplaren sehr erfolgreich ist auch der Band „Chef–Deutsch; Deutsch–Chef“ von Schauspieler Christoph Maria Herbst alias Bernd Stromberg. Der Arzt und Komiker Eckart von Hirschhausen hat nun „Arzt–Deutsch; Deutsch–Arzt“ beigesteuert. Wenn der Arzt behaupte: „Das müssen wir abklären“, meine er vielmehr: „Wozu habe ich mir sonst die teuren Apparate angeschafft?“ Die Auseinandersetzung mit Kommunikation und Sprache kann viel Spaß machen. Das lernt man jedenfalls eher bei Schneider & Co als im Deutschunterricht.
WOLFGANG SCHNEIDER:
Speak German! Warum Deutsch manchmal besser ist
Rowohlt Verlag, Reinbek 2008
192 Seiten, 14,90 Euro
BASTIAN SICK:
Happy Aua. Ein Bilderbuch aus dem Irrgarten der deutschen Sprache
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007
128 Seiten, 9,95 Euro
ECKART VON HIRSCHHAUSEN:
Arzt–Deutsch; Deutsch–Arzt
Langenscheidt Verlag, Berlin und München 2007
128 Seiten, 9,95 Euro


