Aufbruch versus Verharren, Modernität versus Tradition, nationalistischer Größenwahn versus Minderwertigkeitskomplex, religiöse Emphase versus weltlichem Hedonismus - die türkische Gesellschaft oszilliert zwischen den Extremen. "Faszinierend farbig", heißt das in der Sprache der offiziellen Selbstdarstellung des Landes. In der Belletristik spiegelt sich das ebenso wieder wie in Sachbüchern.
"Die Türkei hat die Moderne von oben verordnet bekommen. Darunter leidet sie bis heute", sagt Murat Uyurkulat im Gespräch mit dem Handelsblatt. Oder wie es die in Berlin lebende deutsch-türkische Soziologin Necla Kelek in ihrem jüngsten Buch ausdrückt - das Land verharre im Sowohl-als-Auch:"Die Türkei hat sich immer noch nicht von den Autoritäten emanzipiert, weder vom Übervater Atatürk, noch vom Propheten."
Tatsächlich arbeiten sich die Menschen bis heute an dem Traditionsbruch ab, den Mustafa Kemal Atatürk den Türken in den 20er Jahren mit der "Verwestlichung" verordnet hat. Bis dato durchziehen die daraus resultierenden Gräben die Topografie der landsmännischen Empfindungen.
Charisma und Machtbewusstsein, aber natürlich auch die historischen Umstände hatten den Aufstieg des Generals zum "Vater der Türken" erst ermöglicht. Das skizziert Klaus Kreiser in seiner Atatürk-Biographie höchst anschaulich. Kreiser, Turkologe an der Universität Bamberg, liefert hierzu Unmengen an Details - und Anekdoten, zum Beispiel die, dass sich Atatürk, als Kurgast in Karlsbad, darüber ereifert, nicht genügend Brot zu bekommen. So interessant die historische Betrachtung ist, etwas mehr über die Wirkdimension in die heutige Zeit hinein, wäre wünschenswert gewesen. Denn ohne einen Blick auf Atatürk lässt sich die heutige Türkei nicht verstehen.


