Kemalismus einerseits, politischer Islam andererseits - entlang dieser Begriffe verlaufen die gesellschaftlichen Debatte in der zeitgenössischen Türkei. Im Zentrum steht immer wieder die Frage nach der Identität. Welches Element kann sich als prägend für die Menschen durchsetzen - Vaterlandsliebe oder Religion? Der Streit darüber ist verbittert, an Gewalt und Verschwörungen herrscht kein Mangel. Der Prozess der Selbstzuschreibung ist mitnichten abgeschlossen. Aber:"Die ideologische Dominanz des Kemalismus ist angeschlagen", schreibt der deutsch-türkische Journalist Ömer Erzeren.
Benötigt die Türkei also einen neuen Gesellschaftsvertrag? Eine Übereinkunft, die die Grundrechte und die Würde des Einzelnen in den Mittelpunkt stellt, wie es Necla Kelek fordert? Ein Blick in die Motive und Themen zeitgenössischer türkischer Literatur legt dies nah. Den Kampf der zeitgenössischen Türkei an der Grenze zwischen Tradition und Moderne, spiegelt sich in den Büchern, die das Land auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse vorstellt. Das Handelsblatt hat in diesen Büchern geblättert und eine Auswahl zusammengestellt.
Buchtipps:
"Verlorene Worte" von Oya Baydar: Die Suche nach Normalität im türkisch-kurdischen Konflikt.
"Das Museum der Unschuld" vom Nobelpreisträger Orhan Pamuk: Erst Liebe dann Obsession - ein Mann, der seine Geliebte verloren hat, sammelt Gegenstände, die ihn an sie erinnern.
"Glückseligkeit" von Zülfü Livaneli: Drei Menschen wehren sich gegen einen vorbestimmten Lebensweg.
"Zwei Mädchen" von Perihan Magden: Der Aufstand gegen die Mütter führt zwei Freundinnen in die Katastrophe.
"Die Stadt mit der roten Pelerine" von Asli Erdogan: Eine junge Ausreisserin zerbricht im Dickicht der Stadt.
Audiobook-Tipp: "Türkei zum Hören." Eine musikalisch illustrierte Reise durch die türkisch-osmanische Kulturgeschichte.


