0 Bewertungen
16.08.2006 
Diskussion wird sachlicher

Der Fall Grass und seine Vorläufer

Langsam verzieht sich der Pulverdampf um Günter Grass Enthüllungen über seine Nazi-Vergangenheit und die Diskussion wird sachlicher. Das war nicht immer so, noch vor nicht allzu langer Zeit fielen die „Hetzjagden“ auf Politiker, Künstler und Intellektuelle, die durch Nazi-Verstrickungen auffielen, deutlich heftiger aus.

HB HAMBURG. „Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandkämpfer, wie sollen wir der Toten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn Sie, der Mitläufer von damals, es wagten, heute hier die Richtlinien der Politik zu bestimmen?“ Diese rigorose Mahnung, am 1. Dezember 1966 in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ veröffentlicht, stammt von Schriftsteller Günter Grass. Gerichtet hat der sie vor 40 Jahren an Kurt Georg Kiesinger (CDU) kurz vor dessen Wahl zum Bundeskanzler. Grass' Vorwurf war der Höhepunkt einer Diskussion, die die Amtszeit des Ex-NSDAP-Mitglieds Kiesinger überschattete.

Vier Jahrzehnte später geht die Öffentlichkeit mit den schwärzesten Jahren der deutschen Geschichte allgemein sachlicher um, versucht zu differenzieren. Auch im Fall Grass: Der Fakt allein, dass er einige Monate lang Mitglied der Waffen-SS war, steht nicht im Zentrum der Kritik - wohl aber der Umstand, dass Grass mehr als 60 Jahre lang zu diesem Aspekt seiner Vergangenheit schwieg. Noch in jüngerer Vergangenheit war der Umgang mit Nazi-Enthüllungen anders. Seit 1945 werden immer wieder Politiker, Industrielle, Künstler und selbst Sportler mit ihrer mehr oder weniger starken Verstrickung in die Diktatur konfrontiert, meist unfreiwillig.

Der von Historikern wohl am meisten zitierte frühe Fall war der von Kanzleramts-Staatssekretär Hans Globke. 1935 hatte er einen Kommentar zu den NS-Rassengesetzen geschrieben, auch vom Holocaust wusste er nach eigenen Worten. Andererseits wurde er nie Mitglied der NSDAP und suchte Kontakt zum Widerstand. Als Staatssekretär unter Konrad Adenauer (CDU) und bis zu seinem Tod 1973 war Globke Zielscheibe scharfer Kritik. Politische Gegner und auch die DDR brandmarkten den Fall Globke als Synonym für eine angeblich scheinheilige Vergangenheitsaufarbeitung in der Adenauer-Zeit. Im Gegensatz zu Fällen wie Theodor Oberländer - Teilnehmer am Münchner Hitlerputsch 1923, NSDAP-Mitglied seit 1933, Bundesvertriebenenminister von 1953 bis 1960 - haftete der Fall Globke auch heute noch vielen im Gedächtnis.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Fall Filbinger

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Die Bundesligaklubs und Vermarkter haben alle Hände voll zu tun. 14 Verträge mit Hauptsponsoren oder Ausrüstern laufen Ende der Saison 2008/2009 aus. Acht weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in ...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor