Ölbarone aus Russland und Nahost entdecken den Kunstmarkt - und sorgen für eine Verschiebung der Nachfrage. Dennoch präsentiert sich die Klassische Moderne stark wie nie zuvor.
LONDON. Mit dem Öl steigt der Kunstmarkt in stratosphärische Höhen. In den Londoner Moderne-Auktionen wechselten die Kunstwerke zu Höchstpreisen in die Sammlungen der neuen Superreichen, die nun wohl aus dem Bereich der Rohstoffgewinnler kommen. London zeigte, dass es dank der hier aktiveren Klientel aus Russland, Asien und Nahost immer besser mit New York mithält. Mit der Sammlung Miller wurde zum ersten Mal eine große amerikanische Spitzensammlung in London versteigert.
Es gab eine Reihe wichtiger Marktsignale: Der Impressionismus erlebte eine Marktrenaissance, nicht nur weil ein Nymphéas-Gemälde Monets den Sensationspreis von 41 Mill. Pfund brachte. Kunst des Kubismus und Futurismus wurde auf ein neues Preisniveau gehoben. Erst verdoppelte die Fürther Sammlung Hoh bei Christie?s mit 20 Mill. Euro ihre Schätzung. Dann folgte bei Sotheby?s ein sensationeller Rekordpreis für den Futurismus überhaupt, als Severinis "Danseuse" mit 15 Mill. Pfund (19 Mill. Euro) den Höchstpreis des Künstlers versiebenfachte.
Die Absatzraten waren stark wie seit Jahren nicht. Sotheby?s setzte in der Abendauktion über 90 Prozent der Lose ab und erlöste 102,2 Mill. Pfund, Christie?s kam auf 144 Mill. Pfund - das gab es bisher nur bei Contemporary-Auktionen. Halten die Sammler das Preis-Leistungsverhältnis bei den Impressionisten und Modernen für angemessener als im überreizten Contemporary-Markt?
Jahrelang zögerte Christie?s mit der Versteigerung der Fürther Sammlung Alfred und Elisabeth Hoh mit ihrer Fülle fast vergessener Avantgardisten. Aber das Aufblühen des Russlandmarktes hat die Perspektiven verändert. Russische Werke triumphierten: Wladimir Baranoff-Rossinés orphistisch-futuristischer Schöpfungsmythos "Rhythmus (Adam und Eva)", verdoppelte die Taxe auf 2,7 Mill. Pfund (3,4 Mill. Euro). Dann kam das sprühende Blumenbild von Natalia Gontscharow, das wie eine Anthologie die Stile der zeitgenössischen Kunstrevolutionen fusioniert und wieder musste der von Christie?s Deutschland-Chef Andreas Rumbler vertretene Bieter einen Rekordpreis von 5,5 Mill. Pfund bewilligen. Dann bezahlte er für Vera Rocklines kubistisches Werk "Kartenspieler" (1919), stolze 2 Mill. Pfund - bei einer Taxe bis 350 000 Pfund.
Auch die Störaktion des Kunsthändlers Bernd Göbel vor der Auktion konnte am Lauf der Dinge nichts ändern. Göbels Behauptung, er habe die Sammlung Hoh zusammengestellt und sei deshalb zu einer Gewinnbeteiligung berechtigt, entbehrt dem Sammler Alfred Hoh zufolge jeder Grundlage. "Soll er klagen." Er habe seine Geschäftsbeziehungen mit Göbel 1993 abgebrochen, sagt Hoh. Für Schmidt-Rottluffs "Der Garten" (1906), das Göbel ihm verkauft haben will, kann Hoh die 1990 an ihn ausgestellte Sotheby?s-Rechnung über 440 000 DM vorlegen. Nun brachte das Gemälde 1,6 Mill. Pfund.
Die Stärke von Hohs Sammelleidenschaft war, dass sie auch vor Vergessenem und Obskurem nicht halt machte. "Die Gontscharowa habe ich damals ja nur bekommen, weil sie kein anderer haben wollte", erzählt Hoh. Aber nun folgten die Bieter den Spuren des Sammlers: Von 80 Werken in den Tagauktionen gingen nur vier zurück. Das meiste wurde über Schätzung verkauft, die aber nur in 5 Prozent der Fälle über dem Einkaufspreis lag. Eines seiner liebsten Lose, die von ihm aufgespürten Umschlagszeichnungen William Wauers für den Ausstellungskatalog "Die Kunstwende" (1918), blieb mit 2 750 Pfund unter Taxe.
All das wurde aber von Monets "Bassin aux nymphéas" aus der Sammlung Miller überstrahlt. Noch nie erlebte man in London eine Bietschlacht, bei der auch bei über 20 Mill. Pfund noch fast ein Dutzend Bieter mit den Händen fuchtelten. Erst bei 30 Mill. Pfund begann der Einzelkampf zwischen der Kunstberaterin Tania Buckrell Pos und zwei Telefonbietern, die bei 36,5 aus dem Feld geschlagen waren. Mit Aufgeld bezahlte Pos? Klient 40,9 Mill. Pfund (51,6 Mill. Euro).
Andeutungen, das Bild könnte in London bleiben, schürten Spekulationen, dass es sich um einen ansässigen Ölscheich oder Oligarchen wie Roman Abramowitsch handelt, der im Mai mit seinem Erwerb von Bacon und Freud im großen Stil mit dem Sammeln begann. "Wir haben immer gesagt, dass der Impressionistenmarkt lebhaft ist", so Experte Olivier Camu. Eine Reihe exquisiter, aber keineswegs sensationeller Gemälde wie Monets "Sapins à Varengville" (3,1 Mill. Pfund) oder ein Waldbild Pissarros (1,3 Mill. Pfund) wurden spielend abgesetzt.
Andere Höhepunkte waren der Paul Signac der Sammlung Sainsbury
(knapp 3 Mill. Pfund) oderGiacomettis Yanaihara Porträt, das für 4,2 Mill. Pfund an den Händler Thomas Gibson verkauft wurde. Henry Moores große Liegende erzielte mit 4,3 Mill. Pfund einen Rekordpreis, und Picassos kubistische "Carafe" war mit 3,7 Mill. Pfund eines der besten, lupenreinen Kubistenbilder seit langem.
Bei Sotheby?s wurde Giacomettis Dreiergruppe Marschierender für 9,4 Mill. verkauft - wie alle Spitzenlose auch hier ans Telefon. Das Picasso-Porträt Dora Maar aus der Sammlung des norwegischen Kunsthändlers Haaken Christensen lag mit 7.8 Mill. Pfund noch über der Berggruen-Version vom Februar, und ein Stillleben Cézannes, das 2000 mit einer Taxe von 3 bis 4 Mill. Dollar noch zurückgegangen war, kostete 4 Mill. Pfund. Monets Trouville-Szene lag mit 7,6 Mill. Pfund jedoch unter dem 2000 bezahlten Einkaufspreis von 11 Mill. Pfund.


