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18.12.2007 
Kulturhauptstädte 2008

Die Beatles und noch viel mehr

Seit 1985 erhält jährlich mindestens eine europäische Stadt den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. 2008 führen das britische Liverpool und Stavanger in Norwegen den Titel. Liverpool ist vor allem durch die Beatles geprägt – ihnen können Gäste in der nordwestenglischen Hafenmetropole kaum entkommen. Doch die Stadt bietet noch mehr.

Kulturhauptstadt 2008: Touristinnen vor dem Beatles-Museum am Albert Dock. Foto: dpaLupe

Kulturhauptstadt 2008: Touristinnen vor dem Beatles-Museum am Albert Dock. Foto: dpa

HB LIVERPOOL/STAVANGER. Den Beatles kann man in dieser Stadt einfach nicht entkommen. Schon am Flughafen geht es los, der nach John Lennon benannt wurde. Im Pub „White Star“, wo die „Pilzköpfe“ so manches Pint schluckten, stehen ihre Namen auf Messingplatten über ihren alten Stammplätzen. Gleich um die Ecke liegt der Cavern Club, wo John, Paul, George und Ringo zu den Stars der ersten Stunde gehörten. Natürlich gehören ihre alten Wohnhäuser zum Programm. Und die Straße Penny Lane, verewigt in einem Lennon-McCartney-Song.

Schon Liverpools Status als Wiege der Beatmusik wäre Grund genug gewesen, die nordwestenglische Hafenmetropole für ein Jahr zur Kulturhauptstadt Europas zu machen. Schließlich ist Liverpool nicht nur mit der Karriere der wohl berühmtesten Band der Welt eng verbunden. Auch etliche andere haben in der Nachtschwärmermeile Mathew Street ihre Feuertaufen erhalten – unter ihnen die Rolling Stones, die Kinks und The Who.

„Das Erbe der Beatles hat geholfen, aber damit allein wollten wir uns nicht der Welt präsentieren“, sagt Paul Newman. Der Namensvetter eines Hollywoodstars ist Sprecher der Liverpool Culture Company. Sie ist quasi die Schaltzentrale für die Verwandlung der einst daniederliegenden Stadt am Mersey in eine Kulturmetropole.

Was hier in wenigen Jahren geleistet wurde, ist erstaunlich. Länger als andere Industrieregionen war die Mersey-Stadt in der Spirale von Arbeits- und Hoffnungslosigkeit hängen geblieben. Margaret Thatchers „Revolution“ ging an Liverpool vorbei. „Maggie hasste uns“, erzählt Stadtführer Phil Hughes. „Denn bei uns regierte der trotzkistische Flügel der Labour Party. Investitionen flossen überall hin, nur nicht nach Liverpool.“

Schließlich siegte der Pragmatismus, und die Kultur wurde zu dem Zopf, an dem Liverpool sich aus dem Sumpf zog. Wie in keiner anderen britischen Stadt wurden hier trotz sozialer Probleme Kulturstätten und -veranstaltungen gefördert. Die jährliche Biennale moderner Kunst, kostenlose Galerien, Theater und die Philharmonie machten Liverpool zur Stadt mit dem zweitgrößten Kulturangebot im Königreich.

Das rief private Investoren auf den Plan. Und bei der EU in Brüssel stieß man mit dem Konzept für die Kulturhauptstadt 2008 auf offene Ohren und Geldbeutel. Schließlich half auch London. Und so kam es, dass die Wahrzeichen der mehr als 800 Jahre alten Stadt - die Fantasievögel „Liver Birds“ - nicht mehr wie Pleitegeier, sondern eher wie stolze Herren der Lüfte wirken.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Tiefe Eindrücke hinterlässt das International Slavery Museum.

Die „Liver Birds“, die auch die Shirts und die Clubfahne des FC Liverpool zieren, thronen über dem neuesten Tummelplatz für Touristen, dem rekonstruierten Hafenviertel am Albert Dock. Benannt wurde es nach dem deutschen Ehemann von Queen Victoria, der es einst eingeweiht hatte. Im Albert Dock neben der nagelneuen Konzert- und Sporthalle mit 10 000 Plätzen lädt die Kunstgalerie Tate Liverpool – ein Ableger der Tate London – zu Besuchen ein.

Restaurants und Bars ziehen Tausende an. Und im Merseyside Marine-Museum wird Seefahrtgeschichte lebendig. Tiefe Eindrücke hinterlässt das International Slavery Museum. Es setzt sich mit dem transatlantischen Sklavenhandel auseinander, der Liverpool als größtem Umschlagplatz für die „Ware Mensch“ zwischen Afrika und Amerika zu Reichtum verholfen hatte.

Zu den Stärken der Hafenstadt – sie war einst die erste wirkliche „Multikulti-Metropole“ Europas – gehört bis heute, dass ihre verschiedenen Völkerschaften gut miteinander auskommen. Die erste China Town des Westens entstand hier. Menschen aus Afrika und Asien, aus Nordeuropa und von der Nachbarinsel Irland, später auch aus der Karibik landeten im Merseyhafen, um für immer zu bleiben.

Mehr als 300 Veranstaltungen haben Liverpools Stadtväter für das Jahr der europäischen Kulturregentschaft versprochen - von Straßenkunstshows bis zur musikalischen Mammutshow „The Liverpool Sound“. Klar, dass auch heimische Stars wie der Klassik-Dirigent Simon Rattle und die beiden Ex-Beatles Paul und Ringo dabei sein werden. „Ich bin stolz auf die Stadt“, erklärte McCartney. „Und ich freue mich darauf, Euch alle willkommen heißen zu können!“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Öl-Metropole Stavanger setzt als Kulturhauptstadt auf „Breite“

Ein Schiff ankert im Hafen des norwegischen Städtchens Stavanger. Foto: dpaLupe

Ein Schiff ankert im Hafen des norwegischen Städtchens Stavanger. Foto: dpa

Erst bittere Armut als Hafenstädtchen für den Heringsfang, dann Reichtum als Norwegens Metropole für das Nordsee-Öl und nun die Hoffnung auf ein bisschen Glanz als europäische Kulturhauptstadt: Stavanger ist mit gerade mal 117 000 Einwohnern nur ein Fünftel so groß wie die englische Co-Kulturhauptstadt Liverpool und hat deren Berühmtheit dank Beatles nichts entgegenzusetzen. Ganz bewusst haben die norwegischen Organisatoren deshalb, sowie wohl auch aus schnödem Geldmangel, auf ein Kulturprogramm ohne teure Superstars und spektakuläre Events gesetzt.

„Nein, vorläufig haben wir wenig Berühmtheiten. Wir setzen auf Bürgerbeteiligung und Neues“, meinte Pressechefin Bente Aae bei der Programmvorstellung in der viertgrößten Stadt Norwegens. Wegen mangelnder Popularität in der Bevölkerung mussten die Arrangeure auch bis zuletzt um ihren mit 300 Mill. Kronen (37 Mill. Euro) nicht unbedingt üppigen Etats kämpfen. Nun aber „läufts“. Am Ende kündigten auch König Harald V. und König Sonja nach einigem Zögern ihre Teilnahme zur Eröffnung am 12. Januar an.

Als Vorzeigeprojekt der Norweger gelten vier vor allem als „innovativ“ angekündigte Künstlergruppen, die jeweils über längere Zeit in der Stadt an Norwegens Nordseeküste arbeiten sollen. „Wir wollen keine Berühmtheiten, die aus Flugzeug klettern, mal eben auftreten und gleich wieder verschwinden“, sagte Aae zu heimischen Journalisten, die verwundert nach bekannten Namen im Programm gesucht hatten.

Und so stehen denn das Musiktheater Transparant (Belgien), die Gruppe Inbal Pinto Dance (Israel), das Oskarus Korsunovas Theater (Litauen) und die Puppenspieler von Handspring Puppets (Südafrika) ganz oben im Stavanger-Programm.

Daneben bieten die Norweger insgesamt 120 Veranstaltungen mit enorm breiter Streuung und oft stark regionalem Bezug an. Von den europäischen Blechblas-Meisterschaften über Projekte zur künstlerischen Landschaftsgestaltung bis hin zu Installationen in der Stadt sowie Sonderausstellungen im Petroleum-Museum, rund um die Öl- und Gasförderung in der Nordsee.

Vielleicht auch als kleiner Gruß an Liverpool steht bis zum Herbst ein Architektur-Projekt unter dem Titel eines Beatles-Liedes an: „Norwegian Wood“ über umweltfreundliches, innovatives Bauen mit Holz. Wie ein auffällig großer Teil des Programmes ist auch dieser stark in der Region verankert und wenig nach außen gerichtet. Vielleicht unbeabsichtigt auch ein Resultat der traditionellen Euro-Skepsis der Norweger. Zweimal schon, 1972 und 1994, hat die Bevölkerung den von der Regierung in Oslo unterstützen EU-Beitritt per Volksabstimmung abgelehnt.

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