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12.01.2009 
Business-Literatur

Die Blindheit der Profis

von Rüdiger Scheidges

Die globale Finanzkrise hat zahlreiche US-Autoren dazu veranlasst, die vermeintlichen Gründe für den Zusammenbruch des Finanzsystems zu erötern. Die meisten ihrer Erklärungen kratzen jedoch eher an der Oberfläche des Problems. In einem sind sich viele Schriftsteller jedoch einig: Altbekannte Erklärungsmuster haben versagt.

Die meisten US-Autoren hegen Zweifel an den üblichen Erklärungsmodellen der Finanzabläufe, Crashs und Blasen. Illustration: Lutz WidmaierLupe

Die meisten US-Autoren hegen Zweifel an den üblichen Erklärungsmodellen der Finanzabläufe, Crashs und Blasen. Illustration: Lutz Widmaier

SAN FRANCISCO. Immer wenn die Wall Street ins allgemeine Bewusstsein tritt, schlägt die Stunde von Gordon Gekko, der Hauptfigur im Hollywoodstreifen „Wall Street“. „Ladies und Gentlemen, die wichtigste Erkenntnis ist: Gier ist gut. Gier ist richtig. Gier funktioniert. Gier klärt auf, setzt sich durch und ist Kern jeden evolutionären Geistes. Gier, in allen Formen, Gier nach Leben, Geld, Liebe, Wissen, bestimmt den Drang der Menschheit zu Höherem.“

Gier ist weder eine ökonomische noch monetäre Kategorie, die Funktion und Zusammenbruch der Finanzmärkte und ihrer Institutionen erfassen kann. Aber sie ist eine massenpsychologische Kategorie, Sand im rationalen Lauf der Weltmärkte: ein irrationales Moment der Übersteigerung in einem System, das auf Rationalität und Berechenbarkeit fußt und sich auf eine natürliche Balance der Kräfte verlässt. Gier entzieht sich der Kalkulation. Das ist das Problem.

Die globale Finanzkrise hat viele US-Autoren – Akademiker, Nobelpreisträger wie Praktiker – auf den Plan gerufen, die ureigentlichen Mechanismen des Zusammenbruchs zu benennen. Ihre Erklärungsmodelle sind, wen wundert’s, kaum erschöpfend: zu wenig staatliche Kontrolle und Selbstkontrolle, falsche Geldpolitik der Notenbanken, falsche Risiko-Berechnungsmodelle, Verkennung der weltweiten Veränderungen der Finanzströme – vor allem ein fatales Vertrauen auf alte ökonomische Theorien und Modelle.

Indes, viele Autoren erkennen ein systematisches Übel. George Soros („The New Paradigm for Financial Markets: The Credit Crisis of 2008 and what it means“), Paul Krugman („The return of the Depression Economics and the Crisis of 2008“), Robert J. Shiller („The Subprime Solution. How Todays Global Crisis Happened, and what to do about it“), Mohamed El-Erian („When Markets Collide. Investment Strategies for the Age of Global Economic Change“) oder George Cooper („The Origin of Financial Crises. Central Banks, Credit Bubbles and the efficient Market fallacy“) hegen Zweifel an den üblichen Erklärungsmodellen der Finanzabläufe, Crashs und Blasen. Die Modelle kommen aus dem Fundus der Naturwissenschaften und des philosophischen Positivismus. Alle postulieren ein sich natürlich einstellendes Äquilibrium.

Das ist ein großes Thema. Zugespitzt: So wie die US-Sozialwissenschaften jahrzehntelang dem falschen, weil nicht einholbaren Ideal der Naturwissenschaften nacheiferten, um „Wissenschaftlichkeit“, damit Prognosekraft zu beweisen, sind die deterministischen Finanzwissenschaften in die Falle einer trügerischen Gewissheit gegangen, indem sie nicht nur für jede Situation die selbstregulierende Kraft des Marktes unterstellen, sondern auf ihre „wissenschaftlichen“ Risikomodelle und Markterklärungsstrategien vertrauen.

Wie ist es möglich, dass alle Zeichen an der Wand seit 2000 falsch gelesen wurden und wenig Gegensteuern evozierten, so dass selbst die Fed mit ihrer Zinspolitik Öl ins lodernde Feuer goss und dem Wall-Street-Affen erst richtig Zucker gab? Yale-Professor Shiller: „Sie glaubten alle, der Boom würde niemals enden.“ Nicht selten liegt solche Blindheit in intellektueller Besitzstandswahrung begründet. „Die Schuld an der Fehlsicht muss vor die Füße der Akademien gelegt werden. Die haben ihre fehlerhafte Theorie des immer effizienten, selbst regulierenden Marktes selbst angesichts der widersprechenden Realität beharrlich weiter vorangetrieben“, kritisiert George Cooper in seiner grandiosen Abrechnung mit den Notenbanken der Welt, die blindlings unüberprüften Dogmen und Theorien gefolgt seien – so der „Efficient Market Hypothesis“, die ja Laissez-faire-Politik grundiert.

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