Unheimlich wollte der Dichter Stefan George sein. Eine einzigartige Skulpturen-Ausstellung im Marbacher Literaturmuseum der Moderne gibt neue Rätsel auf über den Dichter-Guru und seine Anhänger
Die große schwere Tür öffnet sich. Aus wenigen Strahlern flutet von der Decke Licht auf ein Feld des Schauderns. Abgeschlagene Köpfe, zertrümmerte Gesichter, verbrannte Schädel und Totenmasken sind auf einem hüfthohen Podest, fünf Meter breit, 25 Meter lang, aufgebahrt wie Leichen zur Identifizierung nach einem Attentat.
Grabesstille. Manche der Köpfe haben geschlossene Augenlider, andere starren in Spannung, als ob sie gleich sprechen wollten. Leichtes Grauen herrschte im Saal, wenn da nicht dieser groteske Holzkopf wäre. Ein mittelmäßiges Haupt, an dem die rote Farbe bröckelt, mit einem braunen Seidenstrumpf um die Stirn wie bei einer alten Anziehpuppe. Das ist „Maximin“, der vom Dichter Stefan George (1868 - 1933) zum Heilsbringer seiner Anhängerschaft vergötterte und als 16-Jähriger gestorbene Maximilian Kronberger.
Unheimlich wollte er sein, dieser Dichter aus Bingen am Rhein. Aber vor allem wollte er wirken. Wie kein anderer beeindruckte und beeinflusste er die Intellektuellen, Künstler und Politiker Anfang des 20. Jahrhunderts mit seiner Kunst, seinen Wertvorstellungen und der Idee des „geheimen Deutschlands“, eines von Kunst und Geist durchdrungenen Staates im Staat. Dieser Geist beseelte auch den George-Jünger und späteren Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg in seinem Widerstand. „Es lebe das geheime Deutschland“, sollen am 20. Juli 1944 seine letzten Worte vor dem Erschießungskommando gewesen sein. Unter den 191 jetzt im Literaturmuseum der Moderne in Marbach gezeigten Skulpturen aus Holz, Gips und Bronze ist auch Stauffenbergs Kopf zu finden – und eine Fotografie, die Vorlage zu einem verlorengegangenen Standbild war.
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Die meisten der Köpfe, 150 insgesamt, verstaubten bis jetzt unterm Dach des Marbacher Literaturarchivs. Nun hat das Archiv, allen voran der sehr agile Leiter Ulrich Raulff, die Köpfe, die George und viele seiner „Jünger“ darstellen, zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 40 weitere stammen aus Museen und Privatbesitz. Die Ausstellung „Das geheime Deutschland. Eine Ausgrabung“ ist bis zum 31. August zu sehen.
Die Qualität der Werke schwankt sehr. Manche scheinen aus einem Töpferkurs zu stammen. Andere könnten im Prado stehen. Die meisten Arbeiten stammen von Ludwig Thormaehlen (1889 - 1956), Alexander Zschokke (1894 - 1981) und Frank Mehnert (1909 - 1943). Alle drei sind Autodidakten, die nicht die Absicht hatten, in Galerien ausgestellt zu werden.
Raulff, der 2004 die Leitung des Marbacher Archivs übernahm, bekennt sein „enormes Staunen“ vor diesen rätselhaften Werken, die so gar nicht zur strengen Formästhetik des „Meisters“ George passen. Die gemeißelten Verse, die runenartige Stefan-George-Schrift, die monumentalen Gedenkbücher und die detailliert inszenierten Fotografien ließen kein Dilettantentum zu. Dieser hohe Anspruch könnte der Grund sein, warum die Skulpturen jahrelang im Verborgenen schlummerten.
George hatte eine Leidenschaft für die bildende Kunst. Sein lyrisches Schaffen verstand er als plastisches Werk. Doch die Frage bleibt, ob ihm die Qualität der Bildhauerei im George-Kreis nicht peinlich war.
Für die Aussteller ist weniger die ästhetische Diskrepanz interessant als vielmehr die Tatsache, dass der George-Kreis sich nicht nur buchkünstlerisch und fotografisch, sondern eben auch bildhauerisch eine visuelle Erinnerungskultur schuf. Aus Dichtung entwickelte sich plastische Kunst – das ist im 19. und 20. Jahrhundert einmalig.
Ihr Bildideal fanden die Mitglieder des George-Kreises im Abbild ihres Meisters. An seinem „Gepräge“ arbeiteten sich die Bildhauer ab. Georges Physiognomie faszinierte seine Jünger. Körper und Gesicht waren für den Dichter-Kreis von großer Bedeutung. Georges „gemeißelte Züge“, die „starken Bögen der Stirn“, die „fein geschnittene Nase“, die „Backenknochen scharf markiert“, wurden zu Insignien der Heldenverehrung. Sein Kopf eine Präsenzikone.
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Das Rätsel des Stefan George und der Verehrung seiner Jünger wird mit dieser Skulpturensammlung nicht gelüftet. Das steinerne Gräberfeld des Dichterkreises – kommentiert nur an einigen Stellen mit Fotografien und Briefen – gibt keine letzten Worte her.Die Marbacher Ausstellung will nicht werten, will weder neue Nebel entfachen, noch despektierlich wirken. Sie will zeigen, was die Zeit hinterlassen hat. Das aber durchaus mit Ironie: der abgebröckelte Kopf des Kultknaben Maximin oder Thormaehlens George-Holzkopf „Fitzlibutzli“, genannt nach dem Azteken-Häuptling Huitzilopochtli.
George, der sich dem Prinzip der Exklusivität verpflichtet fühlte, hätte wohl niemals eine derartige Massenschädelstätte der Kunst akzeptiert. Niemals hätte er es sich bieten lassen, dass man auf ihn und seinesgleichen wie nun in Marbach im wahrsten Sinne des Wortes herabblickt. Und vor allem: Wo bleibt Georges stets vergötterter Leib? Der Eros des Körpers? Im Marbacher Skulpturenfriedhof liegen nur entleibte, kastrierte Köpfe.
Mit einigen der Abgebildeten können auch andere als eingeweihte George-Experten etwas anfangen. Neben gut drei Dutzend Büsten, die George selbst zum Motiv haben, sind etwa die Köpfe der Literaturwissenschaftler Ernst Bertram und Friedrich Gundolf, des Juristen Ernst Morwitz und der Historiker Ernst Kantorowicz und Percy Gotheins zu sehen.
George selbst würde sich über die Dominanz seines eigenen Kopfes sicher freuen. Beim Besucherinteresse aber dürfte ihm Stauffenberg Konkurrenz machen. Wie seine beiden Brüder Alexander und Berthold war er ein begeisterter George-Verehrer. Frank Mehnert, der von George wegen seiner Gesinnung nur „der kleine Nazi“ genannt wurde, fertigte von Claus 1938/39 das „Pionier-Standbild“ an – nach der gezeigten Fotografie. Die lebensgroße in Stein gehauene Skulptur stand bis zu ihrer Demontage 1942 an der Elbe in Magdeburg. Die Einzelteile fand man noch im gleichen Jahr wieder, bis auf die rechte Hand – für den von Zauber faszinierten George-Kreis war das ein Menetekel: Tatsächlich hatte nämlich Stauffenberg 1943 durch einen Tieffliegerangriff in Tunesien seine rechte Hand verloren.
Vom Spuk zurückgelassen liegt heute Stauffenbergs Kopf in Marbach. Wenn in diesem Jahr im Kino „Valkyrie“, der Film über den Hitler-Attentäter mit Tom Cruise in der Hauptrolle startet, kann sich Marbach vielleicht auf den Besuch einiger Fans einstellen. Und was wäre erst los im beschaulichen Marbach am Neckar, wenn Cruise höchstpersönlich Stauffenberg besuchte. Das eifersüchtige Beben Georges kann man sich vorstellen.


