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04.01.2008 
Bücher über Indien

Die Vermessung eines Elefanten

von Andreas Rinke

Alle reden über China. Doch der wirkliche Aufsteiger des Jahres 2007 heißt – Indien. Denn wirtschaftlich und politisch trat das Milliardenvolk langsam aus dem langen Schatten Chinas. Eine ganze Welle von Veröffentlichungen widmet sich nun dem asiatischen „Gegenmodell“.

Tradition und Moderne begegnen sich in Indien vor allem in den Wirtschaftszentren: ein Wasserträger vor der Börse in Mumbai. Foto: apLupe

Tradition und Moderne begegnen sich in Indien vor allem in den Wirtschaftszentren: ein Wasserträger vor der Börse in Mumbai. Foto: ap

BERLIN. Erstmals erreichten die Wachstumsraten der weltgrößten Demokratie ein vergleichbares Niveau. Und je stärker das kommunistische China die Supermacht USA herausfordert, desto mehr wenden diese sich Indien als asiatischem „Gegenmodell“ zu. Eine ganze Welle von Veröffentlichungen angloamerikanischer Autoren soll nun die großen Wissenslücken über den Riesen auf dem südasiatischen Subkontinent aus völlig unterschiedlichem Blickwinkel schließen helfen.

Das Zeug zum Klassiker hat dabei sicher das fast 1 000 Seiten starke Werk von Ramachandra Guha über die Geschichte Indiens nach Gandhi. Unerschütterlich überzeugt davon, dass die indische Demokratie auch größte Herausforderungen bestehen wird, beschreibt Guha die Geschichte des Landes seit der Unabhängigkeit von britischer Herrschaft als Prozess der Reifung. Die klassische chronologische Erzählweise ergänzt er dabei um mehrere Kapitel, in denen er systematischer etwa auf die Rechte im Kastenwesen oder religiöse Unruhen in Indien eingeht. Angesichts der Fülle an Daten und Personen wäre aber zumindest eine Zeittafel nützlich gewesen.

Einen ganz anderen Weg wählt die junge britische Historikerin Alex von Tunzelmann. Sie hat ihr Buch über das Ende des britischen Empires in Indien konsequent aus der Sicht der wichtigsten damaligen Akteure geschrieben. Das liefert eine stark von episodischen Schilderungen und psychologischen Deutungen geprägte Darstellung. Manchmal verliert sich von Tunzelmann vor allem in Details des Lebens von Lord Mountbattan, dem letzten britischen Statthalter in Indien.

Doch der große Vorteil dieser Darstellung ist nicht nur die wesentlich bessere Lesbarkeit. Auch die Absurditäten des untergehenden britischen Empires werden viel greifbarer. Spannend ist zudem, dass von Tunzelmann einige gewöhnlich gefeierte historische Helden in einem anderen Licht erscheinen lässt – wie den notorischen Indien-Hasser Winston Churchill, dem von Tunzelmann eine direkte Verantwortung für die blutige Abspaltung Pakistans zuweist.


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Aber auch Mahatma Gandhi, dessen 60. Todestag sich am 30. Januar jährt, kommt nicht besonders gut weg. Zwar wird er als beeindruckende Figur des friedlichen Widerstands gegen die britischen Besatzer beschrieben. Aber weil erst Gandhi konsequent Religiosität zum Teil der Politik machte, riss gerade er neue Gräben im multikonfessionellen und multiethnischen Indien auf.

Eher enttäuschend ist das Buch der US-Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum. Sie nimmt sich zwar die wohl größte Gefahr für den Zusammenhalt Indiens vor, nämlich die religiösen Spannungen zwischen der überwiegend hinduistischen Mehrheit und den Moslems.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Streit über die Entstehung der indischen Sprache

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