Alle reden über China. Doch der wirkliche Aufsteiger des Jahres 2007 heißt – Indien. Denn wirtschaftlich und politisch trat das Milliardenvolk langsam aus dem langen Schatten Chinas. Eine ganze Welle von Veröffentlichungen widmet sich nun dem asiatischen „Gegenmodell“.
Tradition und Moderne begegnen sich in Indien vor allem in den Wirtschaftszentren: ein Wasserträger vor der Börse in Mumbai. Foto: ap
BERLIN. Erstmals erreichten die Wachstumsraten der weltgrößten Demokratie ein vergleichbares Niveau. Und je stärker das kommunistische China die Supermacht USA herausfordert, desto mehr wenden diese sich Indien als asiatischem „Gegenmodell“ zu. Eine ganze Welle von Veröffentlichungen angloamerikanischer Autoren soll nun die großen Wissenslücken über den Riesen auf dem südasiatischen Subkontinent aus völlig unterschiedlichem Blickwinkel schließen helfen.
Das Zeug zum Klassiker hat dabei sicher das fast 1 000 Seiten starke Werk von Ramachandra Guha über die Geschichte Indiens nach Gandhi. Unerschütterlich überzeugt davon, dass die indische Demokratie auch größte Herausforderungen bestehen wird, beschreibt Guha die Geschichte des Landes seit der Unabhängigkeit von britischer Herrschaft als Prozess der Reifung. Die klassische chronologische Erzählweise ergänzt er dabei um mehrere Kapitel, in denen er systematischer etwa auf die Rechte im Kastenwesen oder religiöse Unruhen in Indien eingeht. Angesichts der Fülle an Daten und Personen wäre aber zumindest eine Zeittafel nützlich gewesen.
Einen ganz anderen Weg wählt die junge britische Historikerin Alex von Tunzelmann. Sie hat ihr Buch über das Ende des britischen Empires in Indien konsequent aus der Sicht der wichtigsten damaligen Akteure geschrieben. Das liefert eine stark von episodischen Schilderungen und psychologischen Deutungen geprägte Darstellung. Manchmal verliert sich von Tunzelmann vor allem in Details des Lebens von Lord Mountbattan, dem letzten britischen Statthalter in Indien.
Doch der große Vorteil dieser Darstellung ist nicht nur die wesentlich bessere Lesbarkeit. Auch die Absurditäten des untergehenden britischen Empires werden viel greifbarer. Spannend ist zudem, dass von Tunzelmann einige gewöhnlich gefeierte historische Helden in einem anderen Licht erscheinen lässt – wie den notorischen Indien-Hasser Winston Churchill, dem von Tunzelmann eine direkte Verantwortung für die blutige Abspaltung Pakistans zuweist.
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Aber auch Mahatma Gandhi, dessen 60. Todestag sich am 30. Januar jährt, kommt nicht besonders gut weg. Zwar wird er als beeindruckende Figur des friedlichen Widerstands gegen die britischen Besatzer beschrieben. Aber weil erst Gandhi konsequent Religiosität zum Teil der Politik machte, riss gerade er neue Gräben im multikonfessionellen und multiethnischen Indien auf.
Eher enttäuschend ist das Buch der US-Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum. Sie nimmt sich zwar die wohl größte Gefahr für den Zusammenhalt Indiens vor, nämlich die religiösen Spannungen zwischen der überwiegend hinduistischen Mehrheit und den Moslems.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Streit über die Entstehung der indischen Sprache
Aber zum einen ist die liberale Nussbaum in ihrer Analyse zu parteiisch. Hinduistische Nationalisten hält sie zwar zu Recht für die Hauptverantwortlichen für die schweren Unruhen im Bundesstaat Gujarat im Jahr 2002. Aber Nussbaum unterstellt ihnen gleich einen „Genozid“-Versuch. Zudem blendet ihre eher ideengeschichtliche Analyse zu stark die soziale und politische Situation in Indien selbst aus, die den radikalen Hinduismus erst sprießen ließ. Radikalen Nationalismus hält Nussbaum eher für einen bloßen Import aus Europa Anfang des 20. Jahrhunderts. Warum er in Indien bei einem Teil der Bevölkerung auf so fruchtbaren Boden fiel, erklärt sie nur am Rande.
Wirklich spannend sind allerdings Nussbaums Beschreibung des Streits über die Entstehung der indischen Sprache und das Kapitel über die Geschichte des Schlachtverbots für Kühe. Erst der historische Blickwinkel zeigt, wie die „heiligen Kühe“ politisch instrumentalisiert wurden.
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Einen völlig anderen Ansatz wählt Shashi Tharoor in seinem Buch „The Elephant, the tiger and the cell phone“. Der in New York lebende Schriftsteller fasst darin Artikel und Gedanken über den indischen Alltag zusammen, die er in den vergangenen Jahren veröffentlicht hat. Die etwas willkürlich wirkende Auswahl der Texte konfrontiert den Leser deshalb des Öfteren mit Tharoors offensichtlicher Leidenschaft, dem indischen Sport Kricket. Aber ohne Zweifel bietet dieses Buch den leichtesten und besten Einstieg für den, der etwas über die moderne indische Gesellschaft erfahren möchte. Die Bandbreite der Texte reicht von wirtschaftlichen Themen und Bollywoods Filmindustrie bis zur Ode an große Inder – und vermittelt ganz nebenbei einen Eindruck von der gesellschaftlichen Vielfalt dieses Milliardenvolks.
Um ein Gefühl für Indien und die dortige demokratische Debattierlust zu vermitteln, reicht Tharoor dabei manchmal schon ein kurzer Witz: Ein Inder bedeutet Monolog, zwei Inder eine Debatte und drei Inder zwei politische Parteien. Und in locker-leichter Form liefert er noch ein 45 Seiten umfassendes „A bis Z“ über alle Aspekte, die zum Verständnis des modernen Indiens wichtig sind – von der heiligen Kuh bis zu den sogenannten „Yes-Men“, den traditionell in der Gesellschaft verwurzelten „Ja-Sagern“.
- Ramachandra Guha: India after Gandhi. The History of the world's largest democracyHarperCollins, New York 2007, 893 Seiten, 34,95 US-Dollar
- Alex von Tunzelmann: Indian Summer. The Secret History of the End of an Empire Henry Holt and Company, New York 2007, 416 Seiten, 30 US-Dollar
- Martha C. Nussbaum: The Clash within Harvard University Press, Cambridge 2007, 432 Seiten, 29,95 US-Dollar
- Shashi Tharoor: The elephant, the tiger and the cell phone. Reflections on India Arcade, New York 2007, 498 Seiten, 27,50 US-Dollar


