Wohlinszenierte Dramatik, diffuser Hintergrund, unkenntliche Gesichter. Kaum ein Fotograf beherrschte die Ästhetik des Propaganda-Bildes so gut wie Jewgeni Chaldej. In Berlin ist nun eine große Ausstellung über ihn zu sehen.
BERLIN. Als am Abend des 30. April 1945 sowjetische Soldaten den Reichstag stürmen, hissen sie angeblich sofort eine rote Flagge. Niemand hält die Szene fest, für ein Foto ist es schon zu dunkel. Und als der Fotograf Marc Redkin tagsdrauf Soldaten mit einer Flagge knipst, fehlen auf dieser Hammer und Sichel.
Jewgeni Chaldej kommt erst einen weiteren Tag danach, am 2. Mai, zum Zuge, als die Schlacht um Berlin vorbei und Hitler tot ist. Der 28-jährige Kriegsfotograf der sowjetischen Nachrichtenagentur Tass steigt morgens gegen 7 Uhr mit drei Soldaten auf das Reichstagsdach, unter der Uniform die rote Fahne – diesmal mit Hammer und Sichel. „Wir fanden eine lange Stange. Ich suchte nach Kompositionsmöglichkeiten“, notiert Chaldej später. Ein erstes Foto. „Nein, das war nicht gut. Es sollte auch etwas von Berlin zu sehen sein.“ Dann sagt er den Soldaten: „Jungs, geht und stellt euch da hin und hisst die Flagge an der und der Stelle.“ Einen ganzen Film verschießt er, fliegt abends nach Moskau und entwickelt seine Aufnahmen.
Sofort wird eine von ihnen zum Sinnbild des sowjetischen Sieges. Mit dem Reichstagsbrand im FebruarFeuer 1933 begann die blutige Verfolgung der deutschen Kommunisten. Für Stalin war das Gebäude Symbol des Faschismus – und die eigene Flagge darauf das ideale Motiv. Es folgen Briefmarken, Gemälde, Plakate und CD-Cover. Auch Wladimir Putin verschickte an Kriegsveteranen Grußkarten mit dem Motiv.
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Etliche andere monumentale Bilder hat Chaldej gemacht, nicht nur vom Krieg, auch vom Bau sibirischer Staudämme, von Ölfeldern in Baku, von der Weizenernte in der Ukraine. Eine Auswahl wird jetzt in Berlin gezeigt („Jewgeni Chaldej – Der bedeutende Augenblick, eine Retrospektive“, 9. Mai bis 28. Juli 2008 im Martin-Gropius-Bau). Das Bild der Flaggenhissung auf dem Reichstag ist zur Ikone geworden. Der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich von der Staatlichen Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe macht zwei Kriterien aus, die Bildern eine derartige Kraft verleiht. Auf der einen Seite müsse die Bildaussage schnell (wieder) erkennbar sein. „Auf der anderen Seite darf es auch nicht zu eindeutig sein, muss offen für die Interpretation bleiben und in verschiedene Kontexte passen“, sagt Ullrich. So ist die Stadt in Trümmern nicht eindeutig als Berlin zu erkennen. Und das Foto zeigt keinen strahlenden Triumph, sondern das Leid, mit dem er in jedem Krieg errungen wird – die Soldaten quasi noch im Gefecht. „Weil ihre Gesichter nicht erkenntlich sind, kann sich jeder mit ihnen und ihrem Kampf identifizieren“, sagt Ullrich.
Die starke Wirkung des Bildes beruht dabei nicht auf tatsächlicher Authentizität. Die Aufnahme ist nicht nur gestellt, sondern auch nachträglich stark bearbeitet: Chaldej dramatisierte die Szene im Labor mit Rauchwolken aus einem anderen Foto, dem Soldaten, der den Fahnenmonteur am Bein stützt, retuschiert er die (geklaute) zweite Armbanduhr am rechten Handgelenk weg.
Ob Chaldej das Bild der Flaggenhissung von Iwo Jima kannte, ist umstritten. Es ist zwei Monate älter und erfüllte ähnliche Erfolgskriterien. Die 21 Quadratkilometer kleine japanische Pazifikinsel mit Flugfeld sollte die Basis für die Eroberung Japans werden. Am 23. Februar 1945, vier Tage nach der Landung, bestieg ein Trupp mit einigen Fotografen den die Insel beherrschenden Vulkan Suribachi, um eine amerikanische Flagge zu hissen. Doch die Szene ist dramaturgisch schwach: Die senkrecht stehende Fahne ist zu klein, die Soldaten stehen unbewegt daneben. Eine größere wird gehisst und von Joe Rosenthal von der Nachrichtenagentur AP fotografiert. Die Militärzensur wählt eines der Bilder aus und schickt es per Fernschreiber in die Heimat. Zwei Tage nach der vermeintlichen Eroberung erscheint es in Zeitungen im ganzen Land. Tatsächlich ist der Kampf um Iwo Jima erst am 26. März zu Ende. Drei der sechs abgebildeten Marineinfanteristen fielen noch. Doch der Sieg von Iwo Jima ist seither mit diesem Bild verbunden.
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Und wieder ist es die klar erkennbare Aussage des Bildes, die Mühsal des Kampfes, die das Bild zur Ikone machte. „Nicht die aufrechte Flagge, sondern die Arbeit am Sieg verleiht dem Bild seinen Charakter“, sagt Jost Dülffer, Militärhistoriker an der Universität zu Köln. Doch gleichzeitig ist das Bild diffus genug, um bedeutungsoffen zu bleiben: Irgendein Gipfel, der Boden „aufgewühlt, von Holzteilen und anderen undefinierbaren Gegenständen bedeckt“, wie Dülffer sagt. Und wie bei Chaldej sind die Gesichter der Soldaten unkenntlich.
Als drei Feuerwehrleute auf den Trümmern des World Trade Centers 2001 die US-Flagge hissten, war der Bezug auf Iwo Jima jedem Amerikaner klar. Später sollte die Szene in eine Statue gegossen werden. Und zwar, so die Idee, mit den Gesichtszügen eines weißen, eines hispanischen und eines farbigen Feuerwehrmanns – doch auf dem Foto sind alle drei eindeutig weiß. Der Versuch, die Taten der Feuerwehrmänner für Political Correctness zu missbrauchen, schlug fehl: Nach massivem Protest gab man das Vorhaben auf.
Im Irakkrieg gelang es der US-Regierung nicht, Ikonen des Sieges zu präsentieren: Beim Sturz der Saddam-Statue im April 2003 auf dem Bagdader Firdos-Platz hilft – wenig heroisch – ein schwerfälliger Panzer, und nur mit Mühe gelingt es einem GI, eine US-Flagge über den Kopf der Statue zu ziehen. Zu konkret sind die Bilder, zu wenig übertragbar auf andere Situationen. Noch fataler war der Besuch George W. Bushs auf dem Flugzeugträger „Abraham Lincoln“, als er am 1. Mai 2003 die Kämpfe für beendet erklärte. „Die Bilder sind aus der Frosch-Perspektive in fast religiöser Pose aufgenommen“, sagt Kunstwissenschaftler Ullrich. Am Turm des Flugzeugträgers steht „Mission Accomplished“. Die Aussage sei viel zu eindeutig, sagt Ullrich.
Die Wirkung war für Bush und seine Regierung verheerend. Da im Irak weiter US-Soldaten sterben, ist „Mission Accomplished“ in den USA zum geflügelten Wort geworden für eine unerledigte Arbeit mit unsicherem Ausgang. Das Foto wurde zum Sinnbild der Überheblichkeit und des Scheiterns.
Und so war Platz für ein anderes Bild, um den Irakkrieg zusammenzufassen: Der verkabelte Mann mit Kapuze auf der Kiste in Abu Ghraib, die Arme ausgebreitet wie Jesus am Kreuz, entspricht wieder den ästhetischen Kriterien der Ikone und verleiht ihm dadurch Kraft: Die Aussage ist erkennbar, „es ist die Verdichtung der Folter, die wirkt“, sagt Ullrich. Doch auch hier ist die Aufnahme verschwommen, der Hintergrund diffus, das Gesicht unkenntlich. Und wieder gewinnt das Bild erst durch Unklarheit seine volle Durchschlagskraft.


