Und wieder ist es die klar erkennbare Aussage des Bildes, die Mühsal des Kampfes, die das Bild zur Ikone machte. „Nicht die aufrechte Flagge, sondern die Arbeit am Sieg verleiht dem Bild seinen Charakter“, sagt Jost Dülffer, Militärhistoriker an der Universität zu Köln. Doch gleichzeitig ist das Bild diffus genug, um bedeutungsoffen zu bleiben: Irgendein Gipfel, der Boden „aufgewühlt, von Holzteilen und anderen undefinierbaren Gegenständen bedeckt“, wie Dülffer sagt. Und wie bei Chaldej sind die Gesichter der Soldaten unkenntlich.
Als drei Feuerwehrleute auf den Trümmern des World Trade Centers 2001 die US-Flagge hissten, war der Bezug auf Iwo Jima jedem Amerikaner klar. Später sollte die Szene in eine Statue gegossen werden. Und zwar, so die Idee, mit den Gesichtszügen eines weißen, eines hispanischen und eines farbigen Feuerwehrmanns – doch auf dem Foto sind alle drei eindeutig weiß. Der Versuch, die Taten der Feuerwehrmänner für Political Correctness zu missbrauchen, schlug fehl: Nach massivem Protest gab man das Vorhaben auf.
Im Irakkrieg gelang es der US-Regierung nicht, Ikonen des Sieges zu präsentieren: Beim Sturz der Saddam-Statue im April 2003 auf dem Bagdader Firdos-Platz hilft – wenig heroisch – ein schwerfälliger Panzer, und nur mit Mühe gelingt es einem GI, eine US-Flagge über den Kopf der Statue zu ziehen. Zu konkret sind die Bilder, zu wenig übertragbar auf andere Situationen. Noch fataler war der Besuch George W. Bushs auf dem Flugzeugträger „Abraham Lincoln“, als er am 1. Mai 2003 die Kämpfe für beendet erklärte. „Die Bilder sind aus der Frosch-Perspektive in fast religiöser Pose aufgenommen“, sagt Kunstwissenschaftler Ullrich. Am Turm des Flugzeugträgers steht „Mission Accomplished“. Die Aussage sei viel zu eindeutig, sagt Ullrich.
Die Wirkung war für Bush und seine Regierung verheerend. Da im Irak weiter US-Soldaten sterben, ist „Mission Accomplished“ in den USA zum geflügelten Wort geworden für eine unerledigte Arbeit mit unsicherem Ausgang. Das Foto wurde zum Sinnbild der Überheblichkeit und des Scheiterns.
Und so war Platz für ein anderes Bild, um den Irakkrieg zusammenzufassen: Der verkabelte Mann mit Kapuze auf der Kiste in Abu Ghraib, die Arme ausgebreitet wie Jesus am Kreuz, entspricht wieder den ästhetischen Kriterien der Ikone und verleiht ihm dadurch Kraft: Die Aussage ist erkennbar, „es ist die Verdichtung der Folter, die wirkt“, sagt Ullrich. Doch auch hier ist die Aufnahme verschwommen, der Hintergrund diffus, das Gesicht unkenntlich. Und wieder gewinnt das Bild erst durch Unklarheit seine volle Durchschlagskraft.

