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19.01.2008 
Möbeldesign

Dirigent der Dinge

von Oliver Herwig

Ein Blick auf die Möbelmesse zeigt: deutsches Design ist hochaktuell. Besonders Münchner Gestalter wie der 37-Jährige Stefan Diez erfinden das Alltägliche immer wieder neu und ernten dafür Anerkennung im In- und Ausland.

Das Wort machte schnell die Runde: Münchener Schule oder, besser noch, Münchener Designwunder, ausgerufen vom Kunstmagazin „Monopol“. Die Isarmetropole als Mekka international erfolgreicher Gestalter, Modemacher und Fotodesigner? Das kam letzten Dezember gut an in einer Branche, die seit Dieter Rams ebenso radikalen wie elitären Objekten händeringend nach Leitbildern sucht.

Deutsches Industriedesign blieb korrekt wie ein Seitenscheitel, aber oft genauso langweilig. Selbst Florian Hufnagl, als Direktor der weltgrößten Designsammlung so etwas wie der Gralshüter der guten Dinge made in Germany, umschrieb das spezifisch Deutsche verhalten: „Man erwartet hohe Präzision, hohe Qualität. Und vermisst Emotion.“ Nicht, dass die Gefühle am Alpenrand plötzlich nur so sprudeln. Emotion wird hier eingepackt in genaue Kalkulation.

Seit Konstantin Grcic und seine ehemaligen Assistenten Stefan Diez und Clemens Weisshaar die Designszene aufmischen, steht Präzision im Vordergrund, eine Strenge, die freilich gelassen auftritt wie die letzte Fußballweltmeisterschaft zwischen Elbe und Zugspitze. Während Grcic als Regisseur im Mittelfeld Bälle verteilt, gehen Weisshaar und Diez über die Flügel. Erster wurde mit der Serie Breeding Tables bekannt, einer unendlichen, computergenerierten Variation über das Thema Tisch mit vier Beinen, der andere durch spröde Einrichtungsgegenstände mit Witz.

Styropor, Stifte und Schaumstoff kugeln über den Tisch. Diez prüft ein Modell. Gerade arbeitet der 37-Jährige an einem Sofa. Das heißt: Er schnitzt an handlichen Styroporteilen. „Das ist es“, sagt er und hält ein blaues Stück hoch. Am Kopfende der Liege klebt ein Klappmechanismus, der an ein Schlappohr erinnert. Mit ihm lässt sich die Sitzfläche erweitern. „Ein Sofa ist viel schwerer als ein Stuhl“, meint Diez plötzlich, „weil es viel offener ist.“ Da könne er die Form „höchstens dirigieren, nicht festmachen.“ Genau das aber möchte der Shootingstar: Objekte in den Griff bekommen, ihnen ganz neue Seiten abgewinnen.

Der gelernte Schreiner arbeitet mit dem Material und überlistet es doch regelmäßig. Da ist immer was zu klappen, zu drehen oder zu bewegen. Wenn Diez damit Erfolge feiert, kommt das nicht von ungefähr. Der Münchener hat sich mit Richard Sapper und Konstantin Grcic zwei Koryphäen als Lehrmeister ausgesucht. Nach einer Schreinerlehre studierte Diez an der Stuttgarter Akademie der Künste und wurde 1998 Sappers Assistent. Im Jahr darauf ging der gebürtige Freisinger zurück nach München – als rechte Hand von Konstantin Grcic.

2002 kam der Durchbruch. Auf dem Mailänder Salone Satellite Milano erhielt der gerade diplomierte Gestalter für das Containersystem „BigBin“ den Design Report Award. Diez trat als Dirigent der Dinge auf und ließ Container ineinander greifen wie Puzzlestücke. Überlegenheit kommt bei Diez von Überlegung. „Kein blindes Drauflosmachen, sondern Denken“, erzählt Stardesigner Konstantin Grcic über seinen ehemaligen Assistenten. „Diez hatte schon 1999 eine erstaunliche Reife; das hat mir unglaublich gut gefallen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: "Es geht darum, das Mittelmaß zu verlassen"

Der Spross einer Schreinerfamilie brachte in Grcic’ Atelier das, was er an der Uni kennengelernt hatte, einen starken Impuls zu 3D-Computerprogrammen. „Damals war Stefan mein einziger Assistent“, erinnert sich Grcic. In dieser Zeit entstand „Chair One“. Der Urstuhl des neuen deutschen Designs sieht aus, als sei er einem Punktschweißer an Bord der russischen Raumstation Mir eingefallen. Dreiecke über Dreiecke, mal kleiner, mal größer, verwoben zu einem konstruktiven Flechtwerk. Die Verstrebungen verdichten sich zur Sitzfläche, die wie ein skelettierter Löffel auf den Besitzer wartet.

„Ich mag Möbel, die jeder sofort versteht“, sagt Grcic, der als „Pate des Münchener Designwunders“ gilt. Diez nahm einiges mit von der kantigen, bisweilen spröden Formsprache seines ehemaligen Mentors. Drei Jahre, von 1999 bis 2002, blieb er in Grcics Atelier im Münchener Bahnhofsviertel, dann gründete er sein eigenes Studio.

Ein Matschweg führt zu dem selbst umgebauten Schuppen am Glockenbach. „Enter after 20:00 at your own risk“, stand jahrelang an der Tür des zweigeschossigen Bretterverschlags. Unten liegt die Werkstatt, oben surren die Computer, und hinter dem Zaun toben Nachbarsjungen. Diez hat sich eine Oase mitten in München ausgesucht, in der er ständig Neues ausprobiert: Taschen und Sofas, Stühle oder Schmuck, den er zusammen mit seiner Frau Saskia, Goldschmiedin und Designerin, entwirft. Leben und Arbeiten zu verbinden heißt für Diez auch, dass er daheim nicht nur von seinen Dingen umgeben ist. Das sei wie mit dem Essen, jeder schätze die Abwechslung, sagt Diez.

Der begeisterte Hobbykoch sammelt derweil Preise und Aufträge: Besteck und Töpfe für Rosenthal, Stühle für Thonet, eine Couch für Flötotto, Seifenspender und Taschen für Authentics, Ausstellungsdesign für die Pinakothek der Moderne in München und die Kölner Möbelmesse – es gibt wenig im Haushalt, was Diez nicht wenigstens einmal geprüft und für zu leicht befunden hätte.

Was also können Auftraggeber und Benutzer vom Münchener Designwunder erwarten? „Vor allem sollte es eindeutig sein. Es geht darum, das Mittelmaß zu verlassen“, sagt Diez über seinen Ansatz. So einfach klingt Erfolg. Auf der Kölner Möbelmesse zeigt Diez Arbeiten seiner Klasse an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung. Aus dem Schüler ist ein Lehrer geworden. „Design Deutschland“ bildet sogar einen Schwerpunkt der diesjährigen „imm cologne“.

Während am Rhein „Verbindungslinien zwischen unterschiedlichen Produkten“ proklamiert werden, können sich die Netzwerker an der Isar gelassen zurücklehnen. Deutsches Design gilt wieder etwas, auch weil Konstantin Grcic eine gute Hand bewiesen hat für Talente. Jetzt, wo die Assistenten selbst für Furore sorgen, legt der Altmeister nach. Mit Myto schuf er den ersten Freischwinger aus Kunststoff, der funktioniert. Ein gestalterisches Feuerwerk, das freilich erst in Mailand gezündet wird. So international ist der Libero des Münchener Designwunders dann doch.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Deutsches Design auf der Möbelmesse

Deutsches Design auf der Möbelmesse

Deutsches Design wird immer noch am ehesten mit Bauhaus, Werkbund oder der Ulmer Hochschule für Gestaltung in Verbindung gebracht. Dabei hat mittlerweile eine Reihe von jungen Gestaltern dem „Label“ neues Leben eingehaucht. Junge Designer, die bei den Stars der Szene in London oder Mailand dazugelernt haben und mittlerweile auch im Ausland Anerkennung gefunden haben. Wie innovativ und trotzdem verwurzelt in den Gedanken der Moderne deren Entwürfe sein können, zeigt eine Sonderausstellung „Design Deutschland“ auf der Internationalen Möbelmesse imm in Köln, die noch bis zum 20.1. geht.

Neben betagteren Exponaten von Wilhelm Wagenfeld, Egon Eiermann oder Dieter Rams werden Stücke einer ganzen Reihe zeitgenössischer Gestalter wie Werner Aisslinger, Philipp Mainzer oder eben Konstantin Grcic und Stefan Diez gezeigt, die mit neuen Technologien spielen. Spannend, sich danach auf der Messe nach Neuheiten deutschen Designs in den Messehallen umzusehen. » www.imm-cologne.de

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