Sporternährung vom Sternekoch? In St. Moritz ist das keine ungewöhnliche Kombination. Rund 30 Top-Restaurants drängen sich im Engadin, in Fahrradentfernung findet man rund 430 Gault-Millau-Punkte und sieben Michelin
Sterne.
ST.MORITZ. Metallisch hallen die Schritte durch das Entree des Kempinski Grand Hotel des Bains. Ein Herr schaut sich suchend um, doch der stakkatoartig Ton stammt nicht von Pumps auf dem polierten Boden. Vielmehr gehören sie zu zwei Männern mit Fahrradschuhen, deren haarige Waden streng im Gegensatz zur Umgebung stehen. In St. Moritz ist Art Masters, ein Kunst/Kulturevent, Untertitel "L'Art de Vivre", und die ersten Gäste bevölkern vernissagefein das Foyer. Gleich vis à vis des Kempinski-Eingangs wird gerade das rote Sofa aufgebaut, mit dem Horst Wackerbarth sich ein Wanderdenkmal gesetzt hat. Die Wadenbesitzer klackern mit ihren Pedalplatten in Richtung Sofa. Vor dem Möbel liegen Mountainbikes. Transportmittel zu einer anderen Form von Lebensart. Sie gehören acht Herren, die ein Wochenende auf dem Sattel verbringen wollen, danach aber nicht Sportlernahrung vom Nudelbuffet in sich hineinschaufeln, sondern fünf Gänge vom Sternekoch.
Rund 30 Top-Restaurants drängen sich im Engadin, in Fahrradentfernung voneinander findet man rund 430 Gault-Millau-Punkte und sieben Michelin
-Sterne. Fadri Cazin, ein Radbegeisterter aus dem Münstertal, hatte die Idee, das eine mit dem anderen zu kombinieren - tagsüber radeln mit üppigen Ausblicken und Genießerwegen, abends tafeln auf Sterneniveau. Auf Wunsch stellt der drahtige 54-jährige Touren zusammen, bei denen man sich ein kleines Sternbild erfuttern kann.
Braucht es Anstrengung, um sündigen zu dürfen? Entbehrungen, um die Reue nach dem Genuss auszublenden? Manchmal ist die Antwort komplexer. Wie bei Peter Rößger. Der Direktor für Design und Benutzerführung bei einem Automobilzulieferer hat mit Joggen und konsequenter Ernährungsumstellung seine Diabetes in den Griff bekommen. "Essen und Ausdauersport spielen eine wichtige Rolle in meinem Leben", sagt er. Darum hat er die Tour von seiner Frau geschenkt bekommen - zum zweiten Mal.
Wenige Kilometer hinter St. Moritz blitzt ein Schneefeld durch die Bäume. Die Trassen der Hochspannungsleitung glimmen silbern und schneiden das Panorama von Morteratschgletscher und Bernina in Häppchen. Ein paar Kehren weiter stößt der Weg auf die Straße zum Bernina Pass. Ein ganzer Pulk von Alfisti röhrt mit ihren Alfa Romeo Giuliettas, Spidern und Zagatos hinauf. Andere Touristen schauen der Bernina-Bahn beim Aufstieg zu, doch die Feinschmecker auf Rädern wechseln die Straßenseite, um bald auf der Ostseite des Lago Bianco den Verkehr hinter sich zu lassen.
Der See hat eine milchig-grüne Farbe wie Absinth. Kühe in Latte-Macchiato-Tönen grasen sich durchs Hochmoor. Die Augen suchen bald die flachste Linie, jeder Atemzug dünner Luft auf 2 200 Metern frisst sich in die Lunge wie Blasebalgstöße ins Holzkohlefeuer. Es bleiben nur noch Momentaufnahmen: Eis, Grillen, das entfernte Donnern der Gletscher-Sturzbäche, die schaumig-weiße Linien in den Fels schneiden. "Ihr müsst immer 15 Meter voraus schauen", sagt Fadri. Sonst kommt man aus dem Gleichgewicht. "Kein Mensch würde beim Joggen die Fußspitzen anschauen. Aber beim Radfahren guckt man fälschlicherweise immer auf den Vorderreifen."
Ein warmer Spätsommerwind weht herauf und kündet, dass Italien nicht weit ist. In Etagen breitet sich das Puschlav aus: Die Gipfelstürmer stehen im baumlos hochalpinen Penthouse, weiter unten schimmert der Lago di Poschiavo, dann schließlich das subtropische Erdgeschoss in Brusio. Auf einem Balkon über alldem schwebt das Belvedere, eine rustikales Berggasthaus mit einer famosen Aussichtsterrasse. Rechter Hand liegt der Palügletscher, davor die Bahnstation Alp Grüm, wie aus dem Märklin-Katalog, mit fahlen Natursteinwänden, roten Fensterläden und einer spektakulären Schienenkehre, die in solchem Radius sonst nur im heimischen Hobbykeller gelegt wird. Bald stehen Capuns auf den Tischen, in Mangoldblätter gehüllter Spätzleteig mit Salami. Einfach, deftig, trotzdem locker.
Teils mit respektvoll geweiteten Augen, teils mit vorfreudigem Grinsen schwingen sich die Biker auf steiler Strecke talwärts. Rund 1 000 Meter tiefer liegt Poschiavo, von wo es mit dem Bernina-Express zurück auf den Pass geht. Der Express ist für Bahnliebhaber aus aller Welt eine Reise wert, für die radelnden Genussmenschen ist er nur Transportmittel, nach all den Natureindrücken wirkt die Fahrt seltsam steril, die Blicke gerahmt, wie Ausstellungsstücke auf der Art Masters.
Museal erscheint auch der Engadiner Bauernhof in Champfèr, einem Ortsteil von St. Moritz. In 350 Jahre alten Mauern residieren heute Brigitte und Roland Jöhri. Jöhri's Talvo gehört zu den besten Restaurants der Schweiz und ist mit zwei Sternen und 18 Punkten im Gault Millau nur eine Kochlöffelspitze von der kulinarischen Unsterblichkeit entfernt. Knapp eine Stunde bevor der Champagner mit Holunderblüten-Sirup in den Gläsern perlt, sind die letzten Mountainbiker von den Trails gerollt, jetzt gilt es, von konkreten Maßnahmen gegen Dehydrieren und Unterzuckern auf Degustieren und Schlemmen umzuschalten. Mit glühenden Gesichtern sitzen die Bike-Gourmets am Tisch, lassen sich von Sommelier Daniel Krasnic Spezialitäten aus dem Keller holen. Leichte Verklärung legt sich auf die Minen, als - vielleicht als Reminiszenz an die Biker-Grundnahrungsmittel - als Pasta auf den Tisch kommt. Fragile Ricotta Raviolini, mit Sommertrüffeln und frittierten Salbeiblättchen. Italien à la Mama? Höchstens wenn die Mama Kunstprofessorin mit einer Cello-Ausbildung wäre. Die Fragen werden zunehmend essentieller: Warum macht man so etwas Unvernünftiges wie biken?, die Antworten zunehmend philosophischer: Grenzen ausloten, über sich hinauswachsen. Und weil so eine Tour aus vielen kleinen lohnenswerten Momenten besteht. Dabei lässt man noch ein Feigeneis auf der Zunge zergehen
Am Ende scheiden sich die Geister, welcher Genuss nun der höhere ist. ,"Ich esse sehr gerne gut, aber Jöhri?s Talvo war für mich ein einmaliges Erlebnis", meint Richard Scherrer, Personalberater bei einer Schweizer Bank. Er hat das Wochenende einem Freund, Werner Schreier, geschenkt, der gute Küche liebt und genauso gerne Mountainbiketouren ausarbeitet. Der ist hin- und her gerissen: "Das Küchenergebnis ist vielleicht reproduzierbar, das könnte man morgen hier genauso wieder essen. Aber so ein Bike-Tag mit 50 Kilometer Fernsicht ist selten."
Am nächsten Morgen sind die Muskeln hölzern, der ein oder andere leckt noch seine Wunden von ungewollten Bodenkontakten. Doch auf dem Weg zum nächsten Genussgipfel hält Fadri eine Abkürzung bereit: Die Bergbahn transportiert auch Räder. Entbehrungen und Strapazen mögen den Genuss erhöhen. Doch manchmal darf das Rezept auch einfacher sein.
Engadin für Feinschmecker
Anreise: Mit dem Auto über Zürich oder Bregenz nach Chur, dann weiter über Tiefencastel, den Julier-Pass oder den Albula-Pass. Für Bahn-Liebhaber: Mit dem Glacier Express von Chur nach St. Moritz: www.glacierexpress.ch
Gourmet-Biken: Die nächste "Sternfahrt St. Moritz" findet vom 12. bis 14. 9. statt. Individuelle Genießertouren für alle Konditionsklassen kann man über Allegra Tourismus buchen, Tel. 0041/818 58 7214, www.bike-gourmet-tour.ch
Essen: Die drei höchstdotierten Restaurants im Engadin sind Jöhri? Talvo in Champfèr, Tel. 0041/ 818 33 44 55, www.talvo.ch; La Bellezza im Hotel Paradies in Ftan, 0041/818 61 08 08, www.paradieshotel.ch; Bumanns Chesa Pirani in La Punt, Tel. 0041/818 54 25 15, www.chesapirani.ch
Wohnen: Neben dem Kempinski Grand Hotel des Bains (www.kempinski-stmoritz.com) gibt es vier weitere Fünf-Sterne-Häuser am Ort: www.stmoritz-hotels.ch


