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23.08.2008 
Krieg im Kaukasus

„Es gibt keine Freiheit für unser Volk“

von Mathias Brüggmann

Der Einfluss von Schriftstellern sei meist viel größer als der von Generälen. Doch zum Krieg im Kaukasus schwiegen die Literaten schändlich. Für seine These bemüht Otar Tschiladse, Georgiens bedeutendster Autor einen ganz Großen: Victor Hugo, der das Denken der Menschen mit seinen Werken mehr verändert habe als ein Bataillon auf den Barrikaden.

TIFLIS. Er selbst müsse deshalb auch nicht in die Politik, sagt Tschiladse, sondern er habe mit seinem mystischen Roman „Godori“, der gerade ins Deutsche übersetzt wird, die leidvolle Geschichte des Kaukasus retrospektiv aufgearbeitet, vor allem aber die Geschichte Georgiens und dessen Verhältnis zu Russland. „Ich zerstöre mit der Macht der Worte die idyllischen Vorstellungen vom Kaukasusvolk.“

Beim Gespräch in seiner Wohnung in Georgiens Hauptstadt Tiflis, gelegen in einem schauderhaft grau-verschlissenen Plattenbau, fasst der 75-Jährige, der bereits zweimal für den Literatur-Nobelpreis nominiert war, seine Erkenntnisse im Lichte der jüngsten Kriegsereignisse mit dem großen Nachbarn im Norden so zusammen: „Gäbe es keine russische Politik und keinen russischen Wunsch, den Kaukasus zu erobern und einen Zugang zum Mittelmeer zu erhalten, gäbe es keine Konflikte. Russland aber will immer Konfliktherde schaffen, um so seinen Einfluss zu bewahren. Deshalb ist der Kaukasus so eine gefährliche Zone“, ist Tschiladse sicher.

Der von Russland noch immer nicht beendete Krieg bringe seinem Volk endgültig die Erkenntnis, dass es auch nach 17 Jahren Unabhängigkeit seit dem Zerfall der Sowjetunion – der Georgien gleich in blutigen Bürgerkriegen mit den Abchasen und Osseten zerriss – „keine Freiheit für unser Volk gibt“. Tschiladse spannt den Bogen historisch aber noch weiter: „Die letzten zwei Jahrhunderte leben wir mit Russlands Diktat. Die angebliche Freundschaft zwischen Georgien und Russland ist eine absolute Lüge. Sie gab es keine Minute lang.“ Tatsächlich hat Moskau nicht nur immer wieder Georgien an sich gerissen, auch andere Teile heute unabhängiger Länder des früheren Sowjetimperiums wurden – lange vor Gründung der UdSSR – vom Kreml domestiziert.

Tschiladses Bruder Tamas, ebenfalls Schriftsteller und Historiker, trägt dazu einen Puschkin-Band herein, um die Parallelen zur Aktualität zu beweisen. Der wohl größte russische Dichter schreibt darin in einem abgedruckten Brief an Freund Dawidow von 1821 aus der heutigen Hauptstadt Moldawiens, Chisinau: „Die große Frage ist, was Russland machen wird: Nehmen wir Moldawien die Walachei unter dem Vorwand der friedliebenden Vermittler weg?“ Da fragt Otar Tschiladse gleich nach: „Aktuell, oder?“ Denn auch der Einmarsch der Russen in Georgien am 8. August sei erfolgt unter dem Vorwand, den Frieden zu schützen.

Tschiladses Haltung ist wegen der aktuellen Ereignisse besonders aufgeladen. Kritik an seiner Regierung sei momentan tabu, meint er und bietet schon mittags ausgerechnet im Weinland Georgien einen Whisky an, was aber nicht als neue Freundschaft zu den Amerikanern zu verstehen ist. Doch er räumt schon jetzt ein, dass die Fragen an Präsident Michail Saakaschwili nach Verantwortung und Schuld kommen dürften, wenn Russland das kleine kaukasische Land erst einmal wieder verlassen habe.

Differenziert und selbstkritisch hat Tschiladse immer wieder in den Zwischenkriegszeiten seinem Volk den Spiegel vorgehalten. Sein Titelheld im gleichnamigen Roman „Awelum“, der 1998 auf Deutsch erschien und europaweit Furore machte, stirbt nicht nur und leidet zwischen französischer Geliebter und russischer Frau. Die Fabel des zwischen Ost und West Hin- und Hergerissenen ist ein Ritt des Kaukasiers über die Geschichte seiner Berge: die Eltern als Opfer des Gulags, den der Georgier Stalin den Russen angetan hat.

Tschiladse lässt seinen Awelum an „eigener Schwäche, Zaghaftigkeit und Feigheit“ leiden, „die er, wenngleich vergeblich, nur immerfort zu rechtfertigen und zu idealisieren suchte“. Wie anders könnte auch im aktuellen Konflikt Georgien selbst beschrieben werden? Autor Tschiladse, heute gebrechlich und schwach, hat damit Größe bewiesen. Selbstironie und Nachdenklichkeit, wozu vor allem die Großmacht Russland mindestens momentan nicht fähig scheint.

Doch Tschiladse schrieb seinen „Awelum“ 1995. Heute, im Gespräch in der zernarbten Heimat, in der am Ende der ersten bitteren Niederlage in den Vielvölkerschlachten 1992 nicht nur der sowjetische Außenminister und Gorbatschow-Reformer Eduard Schewardnadse als Heilsbringer nach Tiflis zurückgeholt wurde, sondern auch die hungernden und frierenden Hauptstädter ganze Bibliotheken verfeuerten, hat die Härte ihn wieder eingeholt: So spricht er von russischer Aggression, Abchasien als Wiege Georgiens – ohne je ethnisch abchasisch gewesen zu sein – und dem russischen Austragungsort der Winter-Olympiade 2014, Sotschi, als eigentlich georgischer Stadt. Der Krieg hat die Intelligenzija des Kaukasus, die die Sowjetunion mit Komikern, Künstlern und Küchenkönnern dominierte, in die Schützengräben zurückgetrieben.

Versöhnlichere Töne stimmt Tschiladse nunmehr aber gegenüber dem Westen an, der mittlerweile – und nach „schweren Fehlern im Umgang mit Russland“ – verstanden habe, „dass ihn das direkt angeht, was hier passiert“. Die Lehre des großen kaukasischen Intellektuellen für den Umgang mit dem übermächtigen Nachbarn ist dann auch von den Wunden des Waffengangs bislang erstaunlich unberührt: „Sich zu prügeln rate ich niemandem. Sinnlos. Es bleibt nur, Achtung zu haben und sich selbst nicht erniedrigen zu lassen. Keine Konzessionen zu machen. Denn die stärken bei Russland nur den Glauben, dass es alles darf. Man muss härter mit den Russen umgehen – aber würdevoller.“

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