Differenziert und selbstkritisch hat Tschiladse immer wieder in den Zwischenkriegszeiten seinem Volk den Spiegel vorgehalten. Sein Titelheld im gleichnamigen Roman „Awelum“, der 1998 auf Deutsch erschien und europaweit Furore machte, stirbt nicht nur und leidet zwischen französischer Geliebter und russischer Frau. Die Fabel des zwischen Ost und West Hin- und Hergerissenen ist ein Ritt des Kaukasiers über die Geschichte seiner Berge: die Eltern als Opfer des Gulags, den der Georgier Stalin den Russen angetan hat.
Tschiladse lässt seinen Awelum an „eigener Schwäche, Zaghaftigkeit und Feigheit“ leiden, „die er, wenngleich vergeblich, nur immerfort zu rechtfertigen und zu idealisieren suchte“. Wie anders könnte auch im aktuellen Konflikt Georgien selbst beschrieben werden? Autor Tschiladse, heute gebrechlich und schwach, hat damit Größe bewiesen. Selbstironie und Nachdenklichkeit, wozu vor allem die Großmacht Russland mindestens momentan nicht fähig scheint.
Doch Tschiladse schrieb seinen „Awelum“ 1995. Heute, im Gespräch in der zernarbten Heimat, in der am Ende der ersten bitteren Niederlage in den Vielvölkerschlachten 1992 nicht nur der sowjetische Außenminister und Gorbatschow-Reformer Eduard Schewardnadse als Heilsbringer nach Tiflis zurückgeholt wurde, sondern auch die hungernden und frierenden Hauptstädter ganze Bibliotheken verfeuerten, hat die Härte ihn wieder eingeholt: So spricht er von russischer Aggression, Abchasien als Wiege Georgiens – ohne je ethnisch abchasisch gewesen zu sein – und dem russischen Austragungsort der Winter-Olympiade 2014, Sotschi, als eigentlich georgischer Stadt. Der Krieg hat die Intelligenzija des Kaukasus, die die Sowjetunion mit Komikern, Künstlern und Küchenkönnern dominierte, in die Schützengräben zurückgetrieben.
Versöhnlichere Töne stimmt Tschiladse nunmehr aber gegenüber dem Westen an, der mittlerweile – und nach „schweren Fehlern im Umgang mit Russland“ – verstanden habe, „dass ihn das direkt angeht, was hier passiert“. Die Lehre des großen kaukasischen Intellektuellen für den Umgang mit dem übermächtigen Nachbarn ist dann auch von den Wunden des Waffengangs bislang erstaunlich unberührt: „Sich zu prügeln rate ich niemandem. Sinnlos. Es bleibt nur, Achtung zu haben und sich selbst nicht erniedrigen zu lassen. Keine Konzessionen zu machen. Denn die stärken bei Russland nur den Glauben, dass es alles darf. Man muss härter mit den Russen umgehen – aber würdevoller.“


