Mitten im brasilianischen Urwald steht das Teatro Amazonas, eines der außergewöhnlichsten Opernhäuser der Welt. Mit Christoph Schlingensief nutzte einer der außergewöhnlichsten Künstler der Welt diese Bühne für sich und seine Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“. Das Spektakel zog Fans aus aller Welt an.
MANAUS. Zwei Uhr morgens. Auf dem Oberdeck des über den Rio Negro tuckernden Schiffs sieht man nichts als Schwarz. Ab und zu hellt ein Blitz den Fluss auf, so dass man gerade noch das gegenüberliegende Ufer sehen kann. Die meisten schlafen.
Nicht Christoph Schlingensief. Der Filmemacher, Aktionskünstler und jetzt und hier auch Opernregisseur redet, eine Bierdose in der Hand, konzentriert und ohne Punkt und Komma – über seine mechanischen Filmkameras aus dem Zweiten Weltkrieg („Hat mir Alexander Kluge verkauft“), wie Richard Wagner von dem Götterangebot hier am brasilianischen Amazonas begeistert gewesen wäre („Der hätte alles sofort eingebaut“) und über den bürokratischen Aufwand, den man bei den Festspielen in Bayreuth bei einer Wagner-Inszenierung betreibe.
Schlingensief parodiert einige der prominenten Vertreter aus dem deutschen Wagner-Betrieb, als plötzlich lautlos aus dem Nichts ein Lastschiff auf dem Fluss auftaucht, beleuchtet von zwei schwachen Glühbirnen, auf der Kommandobrücke ist niemand zu sehen. „Da, das Geisterschiff“, sagt Schlingensief und blickt dem Kahn hinterher, wie er geräuschlos im Dunkeln verschwindet.
Das Geisterschiff, auf dem ein verfluchter Seefahrer als Scheintoter die Meere bis in alle Ewigkeiten kreuzen muss. Das steht im Mittelpunkt von Wagners Oper „Der fliegende Holländer“, und genau das ist es, was Schlingensief seit Monaten umtreibt, was ihn auch hierhin gebracht hat – in den brasilianischen Regenwald, in das Teatro Amazonas in Manaus, das durch Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ mit Klaus Kinski in der Rolle des Opernbesessenen weltberühmt wurde.
Am Sonntagabend feierte hier Schlingensief mit seiner Inszenierung von Wagners „Der fliegende Holländer“ Premiere. Es war der Schlusspunkt einer der kuriosesten Aktionen des 46-jährigen Regisseurs, der diese auf seine Art und Weise zelebrierte – beispielsweise bei nächtlichen Filmaufnahmen entlang dem Rio Negro.
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Nach einer einstündigen Schifffahrt legt seine Mannschaft an. Die Truppe schleppt im Dunkeln übermannshohe Installationen von Bord. Mit Tuch umwickelte Gestänge mit Pappmaché-Kuhköpfen sind es, auf denen Fotos von Klaus Kinski und unbekannten Goldsuchern geklebt sind. Schlingensief lässt die Gebilde durch ein kleines Dorf zur Ruine eines ehemaligen Leprakrankenhauses und Gefängnisses tragen.
Hier hat er in den vergangenen zwei Monaten einen Teil der Filmsequenzen auf seinen alten, handaufgezogenen Schwarz-Weiß-Kameras gedreht, die später im Teatro Amazonas zu sehen sind: Männer, in Mönchskutten gekleidet, die in militärischer Formation das unheimliche Gebäude verlassen.
Bei der Premiere der Wagner-Oper sind diese Aufnahmen auf eingezogenen Gazeleinwänden zu sehen, verschnitten mit den Anfangsszenen aus „Die 120 Tage von Sodom“ des italienischen Regisseurs Pier Paolo Pasolini, einem Film über die Endtage des Faschismus – düster, bedrohlich, unheimlich, verstörend.
So kommt es auch später an bei den Premiere-Besuchern. Doch jetzt im Dunkeln, als Schlingensief die Szenen drehen lässt, wirkt die „Aktion“, eher bemüht als düster: Die jungen Schlingensief-Mitarbeiter stellen die Gestänge mit Kinski-Fotos in den zerfallenen Räumen auf, beleuchten sie mit Magnesiumkerzen, und Schlingensief filmt das Ganze.
Ein paar späte Zecher, die in der Nähe in der Dorfschänke ihren Zuckerrohrschnaps gekippt haben, schauen zu. Doch der Wagner-Sound wird ihnen schnell unheimlich, sie drehen ihre eigene Musik auf, und schwermütige Schnulzen verdrängen das geschmetterte „Südwind, Südwind“ des Steuermanns aus dem Fliegenden Holländer.
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Christoph Schlingensief als Regisseur dieser Oper und das alles in Manaus – das ist eine Kombination, die fast nicht funktioniert hätte. Denn als das Goethe-Institut den Künstler 2004 zum ersten Mal nach Südamerika einlud, um sich in der Region Aktionen zu überlegen, nahm er schnell Reißaus: Nach einem Tag im Moloch São Paulo hatte er sich Hals über Kopf wieder ins Flugzeug gesetzt: „Ich halte diese Stadt nicht aus“, erklärte er Joachim Bernauer, dem kulturellen Leiter des dortigen Goethe-Instituts.
Bei seinem Blitzbesuch lernte Schlingensief, der gerade in Bayreuth den „Parzifal“ inszenierte, aber den brasilianischen Dirigenten Luiz Fernando Malheiro kennen – eine folgenreiche Begegnung.
Malheiro hatte ebenfalls gerade seine Erfahrungen mit Wagner gemacht: In Manaus hatte er den gesamten Ring von Wagner einstudiert und beim Opernfestival aufgeführt. Die Wagnerianer, die fast sektenähnlich auftretenden glühenden Fans des Komponisten, waren aus aller Welt in Scharen eingeflogen und begeistert von der hohen Qualität und Originalität der Wagner-Opern am Amazonas. Dies war ein großer Erfolg für Manaus.
Die Grundlage dafür legte ein ehrgeiziger Gouverneur vor etwa zehn Jahren. In der 1,6-Millionen-Einwohner-Metropole ohne Zug- und Straßenanschluss, die daher nur per Schiff oder Flugzeug erreicht werden kann, hatte er erkannt, dass er was tun muss, um seiner isolierten Stadt – und damit sich – ein modernes Image zu verschaffen. Die Stadt lebt von einer Freihandelszone, in der Konzerne wie Philips Haushaltsgeräte zusammenschrauben lassen und seit kurzem immer mehr Chinesen und Inder ihre Fabriken hochziehen. Doch die ziehen auch genauso schnell wieder ab, wenn die Steueranreize gestrichen werden. Neben den Regenwald-Touristen aus Europa und den USA witterte der Gouverneur eine weitere Einkommensquelle: Wohlhabende Opernliebhaber aus aller Welt wollte er in die abgelegene Amazonasstadt locken. Er renovierte das heruntergekommene Teatro Amazonas, das Kautschukbarone während des kurzen, schnellen Booms der Stadt um 1900 gebaut hatten. Er überredete Malheiro, einen hoch begabten Dirigenten aus São Paulo, nach Manaus zu kommen und dort ein Orchester zusammenzustellen. „Und jetzt spielt, was ihr wollt“, lautete die Anweisung des Gouverneurs, der – so heißt es in Manaus – ein ziemlicher Kulturbanause sei, aber ein Gespür dafür habe, was ihm positive Schlagzeilen bringt.
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Ob er ahnte, was auf ihn zukommt, als er hörte, dass Malheiro Schlingensief nach Manaus einlud, um den Fliegenden Holländer zu inszenieren? Denn Schlingensief ist kein Opernregisseur im klassischen Sinne: Der Aktionskünstler wird von seinen Fans als ein zeitgenössischer Nachfolger von Joseph Beuys eingeschätzt. Seine Kritiker halten ihn für einen egozentrischen, provokanten Spinner, der konzeptlos aus Film und Theater alles vermischt und hofft, dass was Gescheites dabei rauskommt.
In Manaus sieht das dann so aus: Schlingensief besteht vor der Premiere auf einer Vorabpremiere, die als Prozession außerhalb des Theaters stattfindet. Orchester, Chor und Interpreten singen an verschiedenen Orten Ausschnitte aus dem Fliegenden Holländer. Das Publikum besteht aus Büroangestellten auf dem Weg nach Hause, Omas mit ihren Enkeln, Schülergruppen in Uniformen. Nach jedem Solo klatschen die Zuschauer begeistert.
Halb nackte Sambatänzerinnen mit Paillettenbikini und Federboa sind bei Schlingensief Teil der Oper, daneben stehen, in Bass und Bariton verhandelnde Männer in Bischofskleidung. Nicht allen gefällt dieser enorme Kontrast: Eine Gruppe von älteren Wagnerianern mit kerzengerade gezogenem weißem Haupthaar und eleganten Gattinnen, allesamt angeblich mit ihrem Privatjet aus Argentinien angeflogen, steht indigniert auf und verlässt den Platz. Gerade noch rechtzeitig. Denn kurz danach führt die Rhythmusgruppe einer Sambaschule ohrenbetäubend die Prozession an, die vom Teatro zum Fluss hinunterzieht.
Zwischendrin wirbelt Christoph „Slingel“, wie der brasilianische Ansager den Namen abkürzt, durch die Menschenmassen: Mehrere Fernsehteams filmen ihn, junge Mädchen wollen mit ihm fotografiert werden, der Dirigent der Sambaschule umarmt ihn zutiefst gerührt. „Hohe Kunst und doch so volksnah, ehrlich und spontan“, murmelt ein Vertreter des Goethe-Instituts, „das habe ich hier noch nicht gesehen.“


