Christoph Schlingensief als Regisseur dieser Oper und das alles in Manaus – das ist eine Kombination, die fast nicht funktioniert hätte. Denn als das Goethe-Institut den Künstler 2004 zum ersten Mal nach Südamerika einlud, um sich in der Region Aktionen zu überlegen, nahm er schnell Reißaus: Nach einem Tag im Moloch São Paulo hatte er sich Hals über Kopf wieder ins Flugzeug gesetzt: „Ich halte diese Stadt nicht aus“, erklärte er Joachim Bernauer, dem kulturellen Leiter des dortigen Goethe-Instituts.
Bei seinem Blitzbesuch lernte Schlingensief, der gerade in Bayreuth den „Parzifal“ inszenierte, aber den brasilianischen Dirigenten Luiz Fernando Malheiro kennen – eine folgenreiche Begegnung.
Malheiro hatte ebenfalls gerade seine Erfahrungen mit Wagner gemacht: In Manaus hatte er den gesamten Ring von Wagner einstudiert und beim Opernfestival aufgeführt. Die Wagnerianer, die fast sektenähnlich auftretenden glühenden Fans des Komponisten, waren aus aller Welt in Scharen eingeflogen und begeistert von der hohen Qualität und Originalität der Wagner-Opern am Amazonas. Dies war ein großer Erfolg für Manaus.
Die Grundlage dafür legte ein ehrgeiziger Gouverneur vor etwa zehn Jahren. In der 1,6-Millionen-Einwohner-Metropole ohne Zug- und Straßenanschluss, die daher nur per Schiff oder Flugzeug erreicht werden kann, hatte er erkannt, dass er was tun muss, um seiner isolierten Stadt – und damit sich – ein modernes Image zu verschaffen. Die Stadt lebt von einer Freihandelszone, in der Konzerne wie Philips Haushaltsgeräte zusammenschrauben lassen und seit kurzem immer mehr Chinesen und Inder ihre Fabriken hochziehen. Doch die ziehen auch genauso schnell wieder ab, wenn die Steueranreize gestrichen werden. Neben den Regenwald-Touristen aus Europa und den USA witterte der Gouverneur eine weitere Einkommensquelle: Wohlhabende Opernliebhaber aus aller Welt wollte er in die abgelegene Amazonasstadt locken. Er renovierte das heruntergekommene Teatro Amazonas, das Kautschukbarone während des kurzen, schnellen Booms der Stadt um 1900 gebaut hatten. Er überredete Malheiro, einen hoch begabten Dirigenten aus São Paulo, nach Manaus zu kommen und dort ein Orchester zusammenzustellen. „Und jetzt spielt, was ihr wollt“, lautete die Anweisung des Gouverneurs, der – so heißt es in Manaus – ein ziemlicher Kulturbanause sei, aber ein Gespür dafür habe, was ihm positive Schlagzeilen bringt.
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