Ob er ahnte, was auf ihn zukommt, als er hörte, dass Malheiro Schlingensief nach Manaus einlud, um den Fliegenden Holländer zu inszenieren? Denn Schlingensief ist kein Opernregisseur im klassischen Sinne: Der Aktionskünstler wird von seinen Fans als ein zeitgenössischer Nachfolger von Joseph Beuys eingeschätzt. Seine Kritiker halten ihn für einen egozentrischen, provokanten Spinner, der konzeptlos aus Film und Theater alles vermischt und hofft, dass was Gescheites dabei rauskommt.
In Manaus sieht das dann so aus: Schlingensief besteht vor der Premiere auf einer Vorabpremiere, die als Prozession außerhalb des Theaters stattfindet. Orchester, Chor und Interpreten singen an verschiedenen Orten Ausschnitte aus dem Fliegenden Holländer. Das Publikum besteht aus Büroangestellten auf dem Weg nach Hause, Omas mit ihren Enkeln, Schülergruppen in Uniformen. Nach jedem Solo klatschen die Zuschauer begeistert.
Halb nackte Sambatänzerinnen mit Paillettenbikini und Federboa sind bei Schlingensief Teil der Oper, daneben stehen, in Bass und Bariton verhandelnde Männer in Bischofskleidung. Nicht allen gefällt dieser enorme Kontrast: Eine Gruppe von älteren Wagnerianern mit kerzengerade gezogenem weißem Haupthaar und eleganten Gattinnen, allesamt angeblich mit ihrem Privatjet aus Argentinien angeflogen, steht indigniert auf und verlässt den Platz. Gerade noch rechtzeitig. Denn kurz danach führt die Rhythmusgruppe einer Sambaschule ohrenbetäubend die Prozession an, die vom Teatro zum Fluss hinunterzieht.
Zwischendrin wirbelt Christoph „Slingel“, wie der brasilianische Ansager den Namen abkürzt, durch die Menschenmassen: Mehrere Fernsehteams filmen ihn, junge Mädchen wollen mit ihm fotografiert werden, der Dirigent der Sambaschule umarmt ihn zutiefst gerührt. „Hohe Kunst und doch so volksnah, ehrlich und spontan“, murmelt ein Vertreter des Goethe-Instituts, „das habe ich hier noch nicht gesehen.“


