Aufgrund ihrer rudimentären Vorkenntnisse aus der Sekundarstufe I sind Oberstufenschüler bereits jetzt schon kaum in der Lage, auch nur annähernd in größeren geschichtlichen Zusammenhängen zu denken. Zu beobachten ist häufig ein sehr gedankenloser Umgang mit historischen Themen. Schüler erarbeiten Referate oder Präsentationen, indem sie sich wahllos aus dem Internet Informationen beschaffen, freilich ohne diese auf Korrektheit überprüfen zu können. Eine solche „Wikipediatisierung“ verstärkt die Oberflächlichkeit im Umgang mit Geschichte. Für die im Lehrplan vorgesehene, breite Methodenschulung bleibt angesichts der Stofffülle in der Unterrichtsrealität kaum Zeit.
Die Frage ist, ob unsere Gesellschaft will, dass ihre Jugend mit immer lückenhafteren Kenntnissen ihrer kulturellen und historischen Grundlagen nach rein ökonomischen Bedürfnissen ausgebildet wird. Wollen wir Eliten, die nicht wissen, wer Friedrich der Große war? Was spricht dagegen, dass sich klassische Allgemeinbildung mit einer ökonomisch vernünftigen, an der Arbeitswelt und modernen Technologien orientierten (Aus-)Bildung verbinden lässt? Ist es tatsächlich eine Frage der Zeit, die angeblich so knapp bemessen ist? Mit Recht beklagen sich immer häufiger die Eltern meiner Schüler, dass ihre vorpubertären Sprösslinge schon kleine Manager sein müssen, um dem schulischen Zeitdruck gewachsen zu sein. Spontane Verabredungen mit Nachbarskindern zum Spielen werden immer seltener. Auch das NRW-Kultusministerium hat gemerkt, dass man nicht im Hauruckverfahren ein Schuljahr kürzen und die wegfallenden Stunden einfach auf die übrigen Jahre verteilen kann: Die Schulen dürfen nun den Samstagsunterricht wieder einführen.
Nur scheinbar sind deutsche Jugendliche zu alt, wenn sie sich an den Universitäten immatrikulieren. In den USA dient der „Bachelor“, also die ersten vier Studienjahre an der Universität, in der Regel dazu, den sehr rudimentären Standard eines High-School-Abschlusses so weit zu heben, dass er in etwa vergleichbar ist mit dem deutschen Abitur. Nur sind die amerikanischen Studenten dann etwa 22 Jahre alt.
In den letzten Jahren scheint die Bildungspolitik sich darin zu überbieten, möglichst viel Schul- und Studienzeit einzusparen. Gerade geisteswissenschaftliche Bildung aber verlangt Zeit und letzten Endes auch Muße, damit Schüler die komplexen Zusammenhänge und damit auch ihre eigene kulturelle Identität verstehen lernen.
Der Autor (33) ist Lehrer für Geschichte und Englisch an einem nordrhein-westfälischen Gymnasium.


