Die ambivalente Schau „Kunst um 1400“ will Straßburg als Schmelztiegel innovativer Kunstrichtungen präsentieren. Was die Fachwelt aus Abbildungen kennt, ist hier aus verschiedensten Museen Europas zusammengeholt. Trotzdem schwankt die Austellung irgendwo wischen gelungen und uninspiriert.
STRAßBURG. Straßburg war um 1400 ein europäischer Knotenpunkt, eine reiche Handelsstadt, die ständig wuchs. Dazu passt ihr lateinischer Name Argentium – Ort des Geldes. Die selbstbewusste, ökonomisch erfolgreiche Bürgerschaft trieb ihr Prestigeprojekt, den Bau des Münsters, zwischen 1360 und 1440 mit gesteigerter Energie voran. Im Umfeld der Münsterbauhütte, die Michael von Freiburg, ein Mitglied der Parler-Familie, leitete, arbeiteten etliche herausragende Maler.
Die Verknüpfung von Kunstwerken rund um das Münster mit Werken der Malerei, der Skulptur und der Buchmalerei ist das Anliegen der Ausstellung „Straßburg 1400“,die das Frauenhausmuseum gemeinsam mit dem örtlichen Lehrstuhl für Kunstwissenschaft realisiert hat. Herausgekommen ist eine Schau, die das Phänomen „Internationale Gotik“ und "weicher Stil" zwischen 1370 bis 1430 an 120 Beispielen Straßburger Provenienz durchdekliniert und dem breiten Publikum nahezubringen versucht. Was die Fachwelt aus Abbildungen kennt, ist hier aus verschiedensten Museen Europas zusammengeholt.
Gelungen ist der Auftakt, der zwei Maler umkreist, die zu ihrer Zeit einflussreiche ’Tastemaker’ waren. Philippe Lorentz von der Uni Straßburg schreibt die famose „Kreuzigung mit Dominikaner“ aus Colmar dem Straßburger Herman Schadeberg zu. Dieser Künstler kombiniert etwa die seelenvolle Innigkeit der Mariengruppe mit expressiver Drastik bei den Schächern, wie sie in der böhmischen Kunst verbreitet ist. Das Nebeneinander von fein nuancierter Goldgrundmalerei mit einem energisch angelegten Johannes für ein Glasfenster und der überreich ausstaffierten Skulptur „Christus-und-Johannes“ aus Karlsruhe führt Herman Schadeberg anschaulich als Tafel-, Glas- und Fassmaler vor. Seine vielseitigen Arbeitsbereiche entsprachen durchaus mittelalterlichen Gepflogenheiten.
Wesentlich prominenter und bildprägender ist dagegen der Stil des Meisters des Paradiesgärtleins. Das vielschichtig lesbare, namengebende Gemälde aus dem Frankfurter Städel trifft hier auf die hauseigenen Tafeln „Geburt Mariae“ und „Josephs Zweifel“ sowie die symbolgeladene. liebliche „Madonna im Erdbeerhaag“ aus Solothurn.
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Dass der Straßburger Maler bei der Geburtsszene eine italienische Komposition nutzt, die auf Ambrogio Lorenzetti zurückgeht, verdeutlicht Cécile Dupeux, Konservatorin im Frauenhausmuseum, durch jene gegenüber platzierte Lorenzetti-Paraphrase, die der Sienese Bartolo di Fredi 1388 gemalt hat. Indes macht der Anonymus aus der liegenden Wöchnerin eine Sitzende, denn in Straßburg pflegte man zu der Zeit im Sitzen zu entbinden . Über die Rezeption der püppchenhaften Frauendarstellungen des Meisters des Paradiesgärtleins in der Buchmalerei, Graphik und Skulptur gelangt der Besucher zu den Thronmadonnen des ’weichen Stils’.
Hier stechen jüngste Restaurierungen goldglänzend ins Auge. Was das spezifisch Straßburgische ist, jenseits der überall anzutreffenden, weichen Faltenkaskaden hätte ein Vergleich mit Marienskulpturen aus Salzburg, Prag oder vom Mittelrhein ergeben. Der aber unterbleibt.
Das Kapitel über die Alltagskultur ist besonders wichtig, schildern die führenden Maler in den Niederlanden wie in Straßburg doch zahlreiche Details mit großer Hingabe: das Werkzeug oder Handarbeiten. Doch dieser Abschnitt ist uninspiriert präsentiert – eine vertane Chance. Anschließend stößt der Besucher auf einen Riesenriss der Nordfassade des Straßburger Münsters. Doch der hängt seiner Maße wegen im Treppenschacht und verwehrt die allein aufschlussreiche Nahsicht.
Die nun folgenden Kapitel zur Steinbildhauerei sind lieblos eingerichtet. Wer die Museumsbestände, oft die Originalskulptur vom Münster, nicht gut kennt, verheddert sich im Erdgeschoss ständig zwischen Ausstellungs- und Sammlungsexponaten. So bleibt als Resümee, dass die „Kunst um 1400“ einige Höhepunkte der Straßburger Spätgotik bietet, das Thema Schmelztiegel aber des größeren Kontextes bedarf.
Strasbourg 1400. Un foyer d’art dans l’europe gothique
im Frauenhausmuseum, Straßburg bis 06.07
Di-Fr 11-18, Sa, So 10-18
Katalog für 40 Euro
» www.strasbourg1400.com

