Dass der Straßburger Maler bei der Geburtsszene eine italienische Komposition nutzt, die auf Ambrogio Lorenzetti zurückgeht, verdeutlicht Cécile Dupeux, Konservatorin im Frauenhausmuseum, durch jene gegenüber platzierte Lorenzetti-Paraphrase, die der Sienese Bartolo di Fredi 1388 gemalt hat. Indes macht der Anonymus aus der liegenden Wöchnerin eine Sitzende, denn in Straßburg pflegte man zu der Zeit im Sitzen zu entbinden . Über die Rezeption der püppchenhaften Frauendarstellungen des Meisters des Paradiesgärtleins in der Buchmalerei, Graphik und Skulptur gelangt der Besucher zu den Thronmadonnen des ’weichen Stils’.
Hier stechen jüngste Restaurierungen goldglänzend ins Auge. Was das spezifisch Straßburgische ist, jenseits der überall anzutreffenden, weichen Faltenkaskaden hätte ein Vergleich mit Marienskulpturen aus Salzburg, Prag oder vom Mittelrhein ergeben. Der aber unterbleibt.
Das Kapitel über die Alltagskultur ist besonders wichtig, schildern die führenden Maler in den Niederlanden wie in Straßburg doch zahlreiche Details mit großer Hingabe: das Werkzeug oder Handarbeiten. Doch dieser Abschnitt ist uninspiriert präsentiert – eine vertane Chance. Anschließend stößt der Besucher auf einen Riesenriss der Nordfassade des Straßburger Münsters. Doch der hängt seiner Maße wegen im Treppenschacht und verwehrt die allein aufschlussreiche Nahsicht.
Die nun folgenden Kapitel zur Steinbildhauerei sind lieblos eingerichtet. Wer die Museumsbestände, oft die Originalskulptur vom Münster, nicht gut kennt, verheddert sich im Erdgeschoss ständig zwischen Ausstellungs- und Sammlungsexponaten. So bleibt als Resümee, dass die „Kunst um 1400“ einige Höhepunkte der Straßburger Spätgotik bietet, das Thema Schmelztiegel aber des größeren Kontextes bedarf.
Strasbourg 1400. Un foyer d’art dans l’europe gothique
im Frauenhausmuseum, Straßburg bis 06.07
Di-Fr 11-18, Sa, So 10-18
Katalog für 40 Euro
» www.strasbourg1400.com


